Samstag, 25. Dezember 2010

Happy Holidays

Die Vorweihnachtszeit beginnt in den USA exakt einen Tag nach Halloween – als ob ein Schalter umgelegt wird. Die kunstvoll über die Vorgärtenbüsche drapierten Spinnennetze, die liebevoll geschnitzten Kürbisse auf den Treppenstufen, die im Herbstwind sanft schaukelnden Skelette, die vielen Monsterfiguren aus Plastik, Folie oder Segeltuch sind wie vom Erdboden verschwunden. Die ganze Gruselstimmung ist mit einem Schlag einem hellen, bunten und blinkenden Winterwonderland gewichen. Diese Umstellung muss man als Neuamerikaner mit nostalgischen Anwandlungen erst einmal verkraften.

Glücklicherweise lag noch kein Schnee, der die Weihnachtsdekoration perfekt gemacht hätte. Dieser ließ aber nicht mehr lange auf sich warten und hatte sich schon seit Tagen durch einen grauweiß verhangenen Himmel und immer weiter fallenden Temperaturen angekündigt. Man konnte ihn schon förmlich riechen und die Spannung löste sich erst, als die erste Flocke endlich fiel.

Der erste Schneefall war der Startschuss für weiteres weihnachtliches Aufrüsten: In den Vorgärten tummelten sich nun Santa Claus mit oder ohne Schlitten respektive mit oder ohne Rentiere, Schneemänner, diverse Krippenausführungen, Kränze, Girlanden – letztere mit überdimensionalen roten Schleifen versehen, Lichterketten in allen Farben des Regenbogens gerne auch in blinkender Ausführung. Die Vorfreude auf Weihnachten ist groß und dies wird auch sichtbar zum Ausdruck gebracht. There is no time like Christmas time, hohoho!

Die beeindruckendste Weihnachtsdekoration sahen wir allerdings vor den Toren der Stadt: Das Haus war vom Giebel bis zur Garage mit Lichterketten geschmückt und auch im Vorgarten blieb kein Baum, kein Busch, kein Ast – ja noch nicht einmal ein Zweiglein vor dem bunten Lichtermeer verschont. Doch damit nicht genug, denn die Lichtinstallation reagierte auf Schallwellen und blinkte im Takt zu Weihnachtsliedern, die über eine Musikanlage vor der Haustüre die ganze Nachbarschaft beschallte. Ein beeindruckendes Schauspiel, wenn man die nicht unerheblichen Energiekosten außen vor lässt, aber schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten. Eigentlich heißt es ja schon seit einigen Jahren politisch korrekt „Happy Holidays“, denn man möchte kein religiöses Fest einer Glaubensgemeinschaft besonders hervorheben, um damit nicht die Gefühle anderer Religionsgemeinschaften zu verletzen. 

In den Shops herrscht Großkampfstimmung und die Auswahl an Weihnachtsartikeln lässt einen schwindlig werden. Nur Adventskränze konnten wir nicht entdecken – noch nicht einmal mit künstlichen Kerzen. Vielleicht passt der Aufwand, jeden Sonntag eine weitere Kerze anzuzünden nicht zu den sonstigen Wochenendaktivitäten, oder der Gedanke einen Kranz nicht aufhängen zu können, kam nicht so gut an. Möglichweise hat unser noch etwas ungeübte Shoppingauge die Auswahl an Adventskränzen auch schlicht und ergreifend übersehen. Wir bleiben an dem Thema dran und werden auch dieses Rätsel spätestens in der nächsten Adventszeit lösen.

Selbst im Fitnessstudio entkam man nicht dem Weihnachtsfieber. Die Trainer wiesen nicht ohne einen gewissen Anflug von Schadenfreude darauf hin, dass es erfahrungsgemäß die Wenigsten schaffen, den ganzen Weihnachtsleckereien zu widerstehen. Das Beste sei ein offensiver Zweikampf mit der Waage in Form eines präventiven, härteren Trainings vorab. Ich entschloss mich zu einer entspannten europäischen Haltung. 

Überhaupt beschränkten sich unsere Weihnachtsvorbereitung auf einen selbstbefüllten Adventskalender und den zweimaligen Versuch meiner Tochter, Nussstangen mit einem amerikanischen Ofen zu backen, der in Fahrenheit eingestellt werden wollte und Heißluft als Backform nicht kennt. Der erste Versuch floppte trotz importierter Originalzutaten aus Deutschland total. Die Nussstangen entpuppten sich als Nussbriketts und waren auch geschmacklich eine echte Herausforderung. Der zweite Versuch verlief vielversprechender, auch wenn sie noch nicht an die Backerfolge früherer Tage anknüpfen konnte. Glücklicherweise stand unsere Abreise nach Deutschland kurz bevor.

Freitag, 17. Dezember 2010

Oprah-Winfrey-Show

Man muss kein ausgewiesener USA-Liebhaber sein, um diesen Namen zu kennen. Ich wusste daher bereits, dass es sich um eine Talkshow-Queen handelt, aber das Ausmaß der Oprahmanie war mir völlig neu. Bereits zur Begrüßung hyperventiliert ein Teil der Studiogäste, spätestens wenn Oprah zum dritten Mal „oh my god“ ausruft, fällt ein weiterer Teil fast in Ohnmacht und am Schluß der Sendung befinden sich alle in einem kollektiven Freudentaumel. Dies hängt zum einen mit den hochkarätigen Studiogästen und zum anderen mit den überaus großzügigen Geschenken Oprahs zusammen, mit denen sie ihre Gäste immer wieder aufs Neue verzückt. Da sie sich gewissermaßen auf Abschiedstournee befindet, denn die Show wird nach 25 Jahren auf ihren Wunsch hin eingestellt, beschloss ich dem Oprah-Phänomen zügig auf die Spur zu kommen. Allerdings wird sie sich danach nicht in den Ruhestand zurückziehen, sondern ein Oprah-Winfrey-Network starten, auf dem sie vermutlich munter weiter talken und noch mehr Geld scheffeln wird, als bisher. Sie ist jetzt schon die reichste Frau der USA und gilt als äußerst einflussreich. Streng genommen ist sie nicht nur eine überaus beliebte Talkmasterin, sondern ein eigener Industriezweig, denn es gibt ein Oprah-Magazin, Oprah-Merchandising und eine Art Oprah-Buchclub. Wer es als Autor schafft, von ihr empfohlen zu werden, hat ausgesorgt, denn das Buch erhält dadurch den literarischen Ritterschlag und wird automatisch ein Bestseller. 

Es dauerte nur wenige Sendungen und ich saß zwar nicht hysterisch kreischend auf dem Sofa, aber war bereits zum Oprah-Fan mutiert, denn ich fühlte mich nach jeder Sendung bereichert und am Puls der Zeit. Die Themen sind abwechslungsreich, aktuell, sehr gut recherchiert und spannend aufbereitet, die Studiogäste immer hochkarätig und in bester Erzähllaune. 

Oprah legt ihre ganze Seele in die Interviews, stellt spannende Fragen und schafft es auf ihre einfühlsame, authentische Art, dass ihre Gesprächspartner ihr Innerstes nach außen kehren und sich dabei auch noch gut fühlen. Ein Interview bei Oprah ist wie eine Therapie und für manche sogar eine Katharsis, denn man hat das Gefühl, dass sie endlich einmal über die Themen reden dürfen, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Die Atmosphäre ist sehr emotional, es wird geredet, analysiert, diskutiert, viel gelacht und oft geweint, aber es wird selten kitschig und wirkt auch nicht inszeniert. Oprah Winfrey ist ein Phänomen, denn sie hat es geschafft, sich als feste Konstante im schnelllebigen, oberflächlichen, materialistischen Amerika und nun auch in meinem Leben zu etablieren – zumindest für die Dauer unseres USA-Aufenthalts.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

The Chopping Block

Trotz der unzähligen Fast-Food-Ketten mit denen man mühelos alle Mahlzeiten abdecken kann, stehen die Amerikaner der gehobeneren Küche durchaus aufgeschlossen gegenüber. Es gibt in Chicago eine Reihe ausgezeichneter und sogar mit Michelin-Sternen dekorierte Restaurants für jeden Gaumen und jeden Geldbeutel. Ich entschied mich allerdings im ersten Schritt für die „Cook-it-yourself- Variante und buchte einen dreistündigen Pasta-Workshop bei dem renommierten Kochclub „The Chopping Block“. Es sollte eine sehr erhellende Erfahrung werden. Gleich zu Beginn stellte ich mit Erstaunen fest, dass ein Nudelteig innerhalb von Minuten selbst hergestellt ist. Nach einer wichtigen Ruhezeit für den Teig, wird dieser durch die Pastamaschine gedreht, die man je nach Nudelart flexibel einstellen kann. Unsere Aufgabe war es, Lasagne, Tortellini- und Fettucininudeln herzustellen. Gleichzeitig probierten wir uns an verschiedenen Saucen und Füllungen. Für die Lasagne waren Pilze, Mangold und eine geriebene Mozzarella-/Parmesanmischung vorgesehen, die mit einer Bechamelsauce abgerundet wurde. Die Tortellini bekamen eine Kürbisfüllung verpasst und wurden mit einer Buttersauce gekrönt. Für die Fettucini stellten wir eine Bacon-Marsala-Sauce her, die schon bei der Zubereitung so lecker roch, dass wir uns am liebsten gleich mit in die Pfanne gelegt hätten. 

Ich sammelte in der Kürze der Zeit viele neue Erkenntnisse:
  • Ein selbstgemachter Nudelteig ist ein Kinderspiel und dauert nicht lange
  • Eine ausreichende Ruhezeit ist für den Nudelerfolg entscheidend
  • Eine Soße kann auch ohne Sahne richtig gut schmecken
  • Eine leichten Knoblauchgeschmack erhält man, wenn man die Knoblauchzehen in der Pfanne kurz andünstet und dann entfernt
  • Olivenöl, Olivenöl, Olivenöl
  • Nudelteig wird nie gesalzen, das Nudelwasser dafür umso mehr
  • Eine Brise frisch gemahlene Muskatnuss ist wie das Salz in der Suppe
Ich hatte das Gefühl in ganz neue Kochsphären vorzudringen. Dies hing natürlich auch mit der überaus professionellen Vorbereitung und Durchführung des Pasta-Workshops zusammen. Unsere Kursleiterin erklärte uns detailliert die einzelnen Schritte, hatte ein wachsames Auge auf unsere Aktivitäten und legte durchaus auch mal selbst Hand an, wenn etwas zu misslingen drohte. Wir arbeiteten in Teams zusammen und wechselten uns bei allen Aufgaben ab. Das Kochstudio war wie eine große gemütliche Küche eingerichtet und machte richtig Lust, sich den neuen kulinarischen Herausforderungen zu stellen. Fast alle Teilnehmer waren Wiederholungstäter und fühlten sich schon merklich zu Hause. Der Lohn unserer Mühen war natürlich die Verkostung am Ende des Kurses. Alle Gerichte waren gelungen, die Kursleiterin mit unseren Kochergebnissen zufrieden und wir durften ein doggy bag mitnehmen, um unsere Lieben zu Hause an unseren neu erworbenen Kochkünsten teilhaben zu lassen. Nun fehlte nur noch eine eigene Pastamaschine zu meinem Gourmetglück!

Dienstag, 7. Dezember 2010

Christkindlmarket

Der Christkindlmarket geht auf eine Initiative der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer aus dem Jahre 1995 zurück, um die bilateralen Handelsbeziehungen zu fördern. Ein Jahr später fand der erste Weihnachtsmarkt nach dem Vorbild des Nürnberger Christkindlesmarkt am Pioneer Court statt und wurde sofort sehr gut angenommen. Seit 1997 findet er auf der Daley Plaza mitten in Chicago statt und gehört zu den beliebtesten Winterattraktionen. Trotz eisiger Temperaturen herrschte auch in diesem Jahr zwischen den Ständen ein buntes Treiben. Die Aussteller kamen fast ausschließlich aus Deutschland und boten neben klassischem Weihnachtsschmuck und –backwaren auch echten deutschen Glühwein, der stilecht in roten Nikolausbechern verkauft wurde. Auch kulinarisch blieben bei German Bratwurst, Schnitzel und Pfannkuchen keine Wünsche offen. 

Sogar eine Weihnachtskrippe war aufgebaut und aus den Lautsprechern ertönten deutsche Weihnachtslieder. Uns wurde trotz des kalten Windes richtig warm ums Herz. Wir entdeckten selbst Kuckucksuhren in beindruckender Auswahl und Weihnachts-CDs von Peter Alexander bis Heintje. In einer Holzhütte spielte die obligatorische Blaskapelle bekannte Weisen, um die sich aufwärmenden Besucher auf Weihnachten einzustimmen. Eine Sache fehlte jedoch: Ich hatte die leise Hoffnung, dort einen Adventskranz zu finden, konnte aber keinen entsprechenden Stand entdecken. Vielleicht lohnte sich der Export dieses wichtigen Weihnachtsaccessoires nicht oder Kränze werden in den USA prinzipiell aufgehängt und nicht aufgestellt. Oder hatte ich etwa eine vielversprechende neue Geschäftsidee entdeckt?

Nicht zu übersehen ist der mit 7000 Energiesparlampen in den Weihnachtsfarben grün, rot und weiß geschmückte Weihnachtsbaum, der in diesem Jahr zum ersten Mal per Online-Abstimmung ermittelt wurde. Auf der Spitze prangt der Stern von Bethlehem. Insgesamt gingen über 70 Bewerbungen ein, wobei der Baum verschiedene Kriterien erfüllen musste: er musste mindestens 55 Fuß hoch, leicht zugänglich sein und maximal 100 Meilen entfernt von Chicago stehen. Außerdem musste es sich entweder um eine Fichte oder eine Tanne handeln. Offizielle Baumbeautragte der Stadt fuhren die potentiellen Kanditaten ab und prüften, ob alle Kriterien erfüllt waren. Die drei Finalisten wurden dann auf der Website „Major’s Office for Special Events“ (MOSE) zur Abstimmung gestellt. Von den über 5000 Online-Einsendungen sprachen sich mehr als die Hälfte für eine 70 Fuß hohe Tanne aus, die dann am 24.11. im Rahmen einer feierlichen Zeremonie vom Bürgermeister sowie der Spenderfamilie erleuchtet wurde und bis Anfang Januar ganz offiziell im Dienste der Stadt Chicago steht.  

Sonntag, 5. Dezember 2010

Shedd Aquarium

Die kalte Jahreszeit eignet sich immer gut für Museumsbesuche aller Art. Davon besitzt Chicago in Hülle und Fülle und eines der lohnenswertesten Ziele ist das Shedd Aquarium – mit Sicherheit das älteste und vermutlich auch eines der größten Aquarien der Welt. Benannt nach seinem Stifter, John Graves Shedd, der die Fertigstellung des Baus nicht mehr erleben konnte, öffnete es bereits 1929 seine Pforten. Die Besucher können mittlerweile über 20.000 Tiere aus aller Welt bestaunen. 

Das Aquarium unterteilt sich in verschiedene Ausstellungsbereiche: Amazonas, Ozeane, lokale Gewässer, Inseln und Seen, Flüsse sowie Karibisches Riff, in das täglich ein Taucher einsteigt, um die Meerestiere zu füttern und gleichzeitig mit ihnen und den Besuchern zu kommunizieren. In der Ausstellung „Wild Reef“ können die Besucher die Unterwasserwelt aus der Perspektive eines Tauchers betrachten. Im Fantaseas-Amphitheater werden mehrmals täglich Shows mit Delphinen und Belugawalen gezeigt. Man kann Seelöwen bei der Fütterung beobachten oder in der Polarzone Pinguinen zuwinken. Außerdem gibt es ein 4-D-Kino, in dem verschiedene Naturfilme gezeigt werden. Die Vielfalt der Meeresbewohner ist beindruckend und da die Informationen über die einzelnen Ausstellungsbereiche multimedial aufbereitet sind, verläuft ein Besuch auch für Kinder kurzweilig und erlebnisreich. 


Donnerstag, 25. November 2010

Missed connections

Durch meine zwiespältigen Erfahrungen im Straßenverkehr sensibilisiert für Verkehrsthemen aller Art, las ich einige Tage später einen Artikel über eine sehr interessante Studie, die die Website craigslist – eine Börse für Gratisinserate aller Art – in Auftrag gegeben hatte. Sie wollte herausfinden, welche Metro-Haltestelle und welche Metrolinie in Chicago die romantischste ist. Über einen Zeitraum von vier Wochen wurden 250 Anzeigen untersucht, die in der Rubrik „missed connections“ aufgegeben worden waren. 

Bei diesen Anzeigen handelt es sich um eine Art moderne Flaschenpost des Internet-Zeitalters. Man erspäht im Supermarkt, an einer Haltestelle oder in einem Zug ein Fabelwesen, stellt Blickkontakt her oder weicht diesem aus, plaudert munter drauf los oder traut sich nicht  es anzusprechen oder starrt das Objekt der Begierde verhohlen an oder ihm hinterher und fragt sich hinterher, warum man sich in solch einer wichtigen Situation wie der letzte Idiot verhalten hat. Doch dank craigslist ist noch nicht aller Tage Abend, denn man begibt sich auf deren Website und gibt einfach eine Suchanzeige auf in der Hoffnung, dass diese vom richtigen Empfänger gelesen und beantwortet wird. 

Die Reihenfolge der romantischsten Plätze des örtlichen Nahverkehrs basieren auf dem sogenannten TRIST – dem „Train Romance Index Score Total“, d.h. die Anzahl der „missed connections“, die eine bestimmte Haltestelle oder Linie nennen wird durch die Anzahl der Fahrgäste geteilt, die diese Haltestelle oder Linie pro Jahr nutzen. Die Studie ergab, dass die Belmont die romantischste Haltestelle ist, zur romantischsten Linie wurde die rote(!) gekürt. Vielleicht sollte ich öfter das Auto stehen lassen und mich dafür lieber mit offenen Augen und Ohren in den öffentlichen Nahverkehr stürzen?! Auf jeden Fall gehören die „missed connections“ bei craigslist mittlerweile zu der am meisten gelesenen Rubrik und ich muss gestehen, dass der Unterhaltungswert dieser Anzeigen durchaus hoch ist, denn von schüchtern über schleimig bis verzweifelt oder gar verschlüsselt ist alles vertreten.

Donnerstag, 18. November 2010

Straßenverkehr

Nachdem ich mich nun schon seit einiger Zeit durch den amerikanischen Straßenverkehr bewege, glaube ich einen grundlegenden Unterschied festgestellt zu haben. In Deutschland benutzt man in der Regel ein Auto, um schnell von A nach B zu gelangen, d.h. es ist ein Fortbewegungsmittel, um Entfernungen möglichst schnell zu überbrücken. In den USA ist das Auto eher ein mobiler Aufenthaltsort, d.h. es wird munter telefoniert, gegessen, getrunken, geraucht und ab und ab mal kurz auf die Straße geschaut und bedächtig weitergerollt, falls es die Verkehrslage zulässt. Dies hängt natürlich mit den größeren Entfernungen zusammen. Dadurch sitzen die Amerikaner viel mehr Zeit im Auto  und versuchen neben dem Autofahren auch noch andere Dinge zu erledigen. 

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Amerika ziemlich einfach ist eine Fahrerlaubnis zu bekommen. Die Voraussetzungen sind eine theoretische und eine praktische Prüfung sowie ein Sehtest. Der praktische Teil besteht darin, dass man einmal um den Block fährt! Das sind natürlich herrliche Prüfungsbedingungen, zumal der Führerschein schon mit 16 Jahren möglich ist. Sich mit dieser Grundausbildung auf den Highway zu trauen ist meiner Meinung nach eine echte Mutprobe! Kein Wunder, dass Amerikaner auf den deutschen Autobahnen das kalte Grausen packt. Es gibt wohl einen Aufkleber mit der Aufschrift: I survived the German Autobahn! 

Interessanterweise tragen die Schulbusse sowie die meisten Lastwagen ein Schild auf der Rückseite mit der Aufschrift: “How am I driving?“ inklusive Telefonnummer für Rückmeldungen.  Schade, dass diese Idee noch nicht in Deutschland angekommen ist.

Mittwoch, 17. November 2010

Frozen custard

Die Amerikaner lieben Eiskrem in jeder Form. Daher gibt es neben den Klassikern die unglaublichsten Geschmacksrichtungen und –kombinationen, viele verschiedene Waffelformen und noch mehr verschiedene Toppings, Shots oder Dekozuckerwerk. Selbst die kleinste Größe sättigt für den Rest des Tages, aber stellt einen großen Genuss dar, wenn man jegliche Gedanken an die Kalorienanzahl ausblendet. 

Eine Eisspezialität war uns aber bisher gänzlich unbekannt – Frozen Custard. Es dauerte etwas, bis wir begriffen hatten, dass sich hinter diesem Namen nicht die amerikanische Variante des Eismanns verbirgt, sondern eine eiscremeähnliche Köstlichkeit. Genau gesagt handelt es sich um gefrorene Eiercreme, die aussieht wie ein Softeis, aber deren Konsistenz sämiger und reichhaltiger ist. Ein wahrer Gaumenschmaus, der ebenfalls in immer wieder neuen Geschmacksrichtungen angeboten wird. Hier deckt eine Portion wahrscheinlich den täglichen Kalorienbedarf eines amerikanischen Schwerarbeiters, aber wenn kümmert das schon, wenn man nach dem ersten Löffel bereits im siebten Eishimmel schwebt. 

Tipp: scooter's

Freitag, 12. November 2010

Fitness

Noch nie im Leben habe ich so viele dicke Menschen gesehen wie in den USA. Gleichzeitig habe ich auch noch nie so viele Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung durch die Straßen joggen sehen. Die meisten sind im knappen Sportoutfit und mit Knopf im Ohr ziemlich flott unterwegs. Erfreulicherweise hat sich Nordic Walking noch nicht etabliert oder diese Sportart ist hier bereits kläglich gescheitert, da sie den Amerikanern zu langsam ist...

Da die Winter in Chicago sehr kalt sind, so dass Outdoorsport schwierig wird, empfiehlt es sich rechtzeitig nach einem guten Fitnessstudio umzusehen, damit es die Fettpölsterchen in der kalten Jahreszeit mit all ihren Festivitäten nicht allzu einfach haben. Gesagt, getan. Nachdem sich einige der Fitnessstudios, deren Werbecoupons ich aus der Post gefischt hatte, als Muckibude entpuppt hatten, landete ich schließlich in einem „Athletics Club“, das sich in einem alten, aber sehr schön renovierten Backsteingebäude befindet. Die Ausstattung ist vom Feinsten, die Anzahl und Vielfalt der Kurse ansprechend und es gibt sowohl einen Indoor- als auch einen Outdoorpool. Außerdem verfügt der Club über eine beeindruckende Kletterwand. Ich beschloß also eine Mitgliedschaft zu wagen und schaute mir zunächst die Spinningkurse an. Zunächst stellte ich fest, dass die Kurse nur 50 Minuten dauern bzw. mit je fünf Minuten Warm-up und Cool-down eigentlich nur 40 Minuten – die Mindestdauer, damit sich der Fettstoffwechsel überhaupt in Bewegung setzt. Außerdem liegt vor dem Kurs eine Liste aus, auf der man sich ein Bike reserviert, denn es gilt: the early bird gets the best bike! 

Die ersten Spinningkurse starten übrigens bereits um 6.00 Uhr morgens und zwar täglich. Die Amerikaner lieben es nämlich, sich bereits vor der Arbeit sportlich zu betätigen. Diese Vorliebe scheint sich in Deutschland bisher noch nicht durchzusetzen. Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit in meinen Heimatstudio die ersten Spinningkurse um 7.00 Uhr angeboten wurden. Allerdings nur wenige Wochen, denn der einzige, der regelmäßig zum Kurs erschien, war der Trainer selbst. 

Wunderbar ist die Tatsache, dass die Handtücher gestellt werden und man sich seine Getränke selbst mitbringen kann, so dass einem neben dem Mitgliedsbeitrag nicht auch noch eine Getränkepauschale aufgedrückt wird. Erstaunt war ich allerdings, dass der komplette Umkleideraum mit Teppich ausgelegt ist, denn die Amerikaner sind immer sehr darauf bedacht, sich in einer aseptischen Umgebung zu bewegen. Auf dem Weg in die Dusche kam ich an einem Gerät vorbei, das auf den ersten Blick wie eine Waschmaschine in Kleinformat aussah. Diese entpuppte sich als „Swimsuit Water Extractor“, d.h. man wirft seinen nassen Badeanzug hinein, drückt den Deckel für einige Sekunden zu und schwuppdiwupp ist er wieder so gut wie trocken. Zur Sicherheit stehen noch Plastiktüten zur Verfügung, in die man seine Badesachen nach erfolgreicher Durchführung verschwinden lassen kann. Welch‘ praktische Erfindung – ich bin begeistert!


Donnerstag, 4. November 2010

Integrationsphasen

Im interkulturellen Training, das wir vor unserer Abreise durchlaufen haben, wurden verschiedene Phasen der Integration vorgestellt: Zu Beginn des Auslandsaufenthalts befindet man sich in einem normalen Gemütszustand. Nun ja, wenn ich an die emotionalen Abschiede und die Hektik der letzten Tage denke, würde ich diese Phase im Nachhinein eher als latenten Erschöpfungszustand mit gleichzeitiger extremer Anspannung bezeichnen. 

Danach kommt die sogenannte „Honeymoon Phase“. Alles ist neu und aufregend. Es gibt viel zu Entdecken und zu Bestaunen. Diese Phase haben wir in der Tat kennengelernt, intensiv durchlaufen und vor einigen Wochen hinter uns gelassen. Es folgt die Stressphase – der sogenannte Kulturschock! Man stellt fest, dass die Bewohner dieses Landes zwar zum großen Teil so aussehen wie Europäer, aufrecht gehen, in befestigten Unterkünften leben und zur Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen vorzugsweise mit dem eigenen Auto fahren, aber dann hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Ihr Lebensrhythmus und die Art und Weise, wie sie ihren Alltag bestreiten, unterscheidet sich deutlich von der europäischen  und meiner glaube ich ganz besonders. Die Amerikaner sind eine Nation von „early birds“, die offensichtlich auch am Wochenende gerne mit dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett springen, um ihren vielfältigen Aktivitäten nachzugehen, d.h. viele Veranstaltungen, egal ob sportlicher oder familiärer Natur, beginnen bereits um 7:30 oder 8:00 Uhr. Da öffnet in Deutschland gerade mal der Sonntagsbäcker seine Pforten  und die Schlange vor der Tür ist noch sehr überschaubar!

Die Symptome dieses Kulturschocks werden wie folgt beschrieben: Gefühle des Unwohlseins und der Frustration, Erschöpfung und Müdigkeit, starkes Heimweh, Gefühl der Hilfslosigkeit und Unfähigkeit, die Anforderungen des täglichen Lebens zu bewältigen, Wut und Ärger über Kleinigkeiten und der starke Wunsch mit Landsleuten zusammen zu sein. Alle Symptome kann ich in einer mehr oder weniger starken Ausprägung bestätigen. Anschließend kommt die sogenannte „Adaptionsphase“, in der man sich stufenweise an das Leben im fremden Land anpasst – nicht ohne den ein oder anderen kleinen Rückfall!

Sonntag, 31. Oktober 2010

Die amerikanische Einwanderungsbehörde (USCIS)

Am nächsten Morgen ging es also downtown zur Einwanderungsbehörde USCIS (US Citizen and Immigration Services). Die Sicherheitskontrollen waren ähnlich streng wie am Flughafen und als ich dann endlich am richtigen Schalter war, wusste der Beamte gar nicht, was ich überhaupt von ihm wollte. Warum ich denn hier sei, wollte er wissen. Ich erzählte, dass das Social Security Office mich geschickt hätte. Er verdrehte die Augen. Offensichtlich ist das Verhältnis zwischen den beiden Behörden nicht das Allerbeste. Ich fühlte mich bereits wie ein Alien, obwohl ich offiziell ja noch nicht einmal diesen Status erreicht hatte. Ich ließ mich aber nicht abwimmeln. Auch Aliens in spe haben ein Recht auf Auskunft! Schließlich zog er entnervt einen Kollegen zu Rate. Dieser erklärte mir, dass ich auf jeden Fall eine Arbeitserlaubnis beantragen müsste. Diese würde 340 $ kosten und müsste schriftlich bei der Einwanderungsbehörde in Texas beantragt werden. Ich gab mich geschlagen, raffte meine Papiere zusammen und beschloss, zu hause erst mal eine ausgedehnte Recherche zum Thema L-2-Visum durchzuführen. Ich konnte schließlich unmöglich der erste Mensch auf diesem Planeten sein, der versuchte mit einem solchen Visum eine Sozialversicherungsnummer zu erhalten. 

Ich beschließe mehrgleisig zu recherchieren und stelle mein Anliegen in einem Expatriate-Forum, beim Amerika-Forum sowie auf einer amerikanischen Anwaltsseite, die kostenloses Feedback anbietet, ein. Ich rufe das deutsche Konsulat in Chicago an, das mich wiederum an das amerikanische Konsulat verweist. Nun denn, vielleicht lohnt es sich, erst einmal einen Blick auf die Website zu werfen. Ich stelle fest, dass es verschiedene Arten von Nicht-Einwanderungsvisa gibt, die durch unterschiedlichen Buchstaben bzw. Zahlen gekennzeichnet sind: Für Touristen, Geschäftsreisende, Durchreisende, Studenten, Teilnehmer an Austauschprogrammen und vorübergehend Beschäftigte – bingo. Die Kategorie L – firmeninterne Versetzung einer Arbeitskraft – unterteilt sich wiederum in verschiedenen Unterkategorien, aber mein L-2-Visum wird mit keiner Silbe erwähnt. Auch die websiteinterne Suche bringt kein Ergebnis. Ich begebe mich also auf die Seite „Visa-Informationsdienst“. Dort erfahre ich, dass ich einen kostenpflichtigen Informationsdienst anrufen kann – allerdings ist diese Telefonnummer nur innerhalb Deutschlands erreichbar. Ich lese also weiter. Weiter unten wird eine Servicenummer für Antragsteller außerhalb Deutschlands aufgeführt. Um diesen Dienst nutzen zu können, muss man allerdings 15 Euro bezahlen, die direkt über die Kreditkarte abgebucht werden. Time is money scheint sich auch beim amerikanischen Konsulat herumgesprochen zu haben. Interessant finde ich die Begründung, warum der Dienst kostenpflichtig ist: „In einer Zeit knapper Mittel ist es unmöglich, die zunehmende Arbeitsbelastung zu bewältigen....Als die Informationen für die Kosten eines normalen Telefongesprächs angeboten wurden, konnte man sie wegen der überlasteten Leitungen nicht erhalten. Jetzt bezahlen Sie etwas mehr(!) und wir können Ihnen mit genauen Informationen und einer schnelleren Erteilung des Visums dienen. Sie werden uns sicher zustimmen. Der Visa-Informationsdienst bietet Ihnen viel für Ihr Geld.“ Ich stimme keinesfalls zu und beschließe, noch einmal beim Amerika-Forum vorbeizuschauen. Ein Mitglied hat auf meinen Beitrag geantwortet und meine Befürchtung bestätigt, dass ich auf jeden Fall die 340 $ bezahlen muss. Ich schaue mich noch ein wenig auf der Website um, stoße auf einige erschütternde Visa-Schicksale und stelle fest, dass ich wohl noch zu den leichteren Fällen zähle. Auch die amerikanische Anwaltsseite bestätigt, dass ich auf jeden Fall eine Arbeitserlaubnis brauche, um eine Sozialversicherungsnummer zu erhalten. Im Expatriate-Forum erhalte ich kein Feedback.

Ich beschließe also das Formblatt I-765 “Application for Employment Authorization” auszufüllen. Immerhin steht es auf der Website der amerikanischen Einwanderungsbehörde als Online-Formular zur Verfügung. Die Gebühr wird sofort von der Kreditkarte abgebucht, die Bearbeitung bzw. Genehmigung des Formulars kann bis zu 90 Tage dauern. Ich beschließe, den Erhalt einer Sozialversicherungsnummer als langfristiges Projekt zu betrachten!

Link: USCIS

Samstag, 30. Oktober 2010

Sozialversicherungsnummer (social security number)

Nachdem uns die Einreise in die USA geglückt war, galt es nun im nächsten Schritt die überaus wichtige Sozialversicherungsnummer zu beantragen. Diese hat die Funktion eines allgemeinen Personenkennzeichens und wird nicht nur von der Sozialversicherung und im Gesundheitswesen, sondern auch von den Finanzbehörden, aber auch von privaten Unternehmen genutzt, um Auskünfte über bestimmte Personen einzuholen. Ohne eine solche Nummer ist man in den USA identitätslos und gilt als vogelfrei, denn man braucht diese Nummer nicht nur für alle Behördengänge sowie für den Umgang mit Banken und Versicherungen, sondern auch für weitere Anmeldungs- und Einkaufsaktivitäten.

Ich begab mich also auf der Website der Social Security Administration auf die Suche nach dem geeigneten Anmeldeformular. Bald wurde ich fündig und ließ gespannt die pdf-Version von SS-5 ausdrucken. Beim Ausfüllen stellte ich erstaunt fest, dass ich mich um den Status eines „Legal Aliens“ bemühte. So hatte ich mich bisher noch nie gesehen. Eine Liedzeile von Sting kam mir in den Sinn: „I am a legal alien, I am a legal alien. I am an Englishman in New York“. Ich schien also nicht die Erste zu sein, die dieses Schicksal ereilte. Das Nachschlagen im Wörterbuch beruhigte mich zusätzlich. Ich war nicht zwangsläufig eine Außerirdische, die in den USA um Aufnahme bat, sondern möglicherweise nur ein Fremdling oder Ausländerin bzw. Gebietsfremde. Nachdem ich das Formular für mich und die Kids ausgefüllt hatte, packte ich diese ins Auto und wir fuhren zum nächsten Social Security Office. 

Frohgemut zog ich eine Nummer und wartete, bis diese aufgerufen wurde. Die Beamtin am Schalter war zwar sehr nett, konnte aber nicht wirklich etwas mit meinen Anträgen anfangen. Nachdem sie sich lange unsere Pässe angesehen und mit ihren Kolleginnen besprochen hatte, händigte sie uns ein neues Formular aus und erklärte mir, wir seien leider nicht berechtigt eine Sozialversicherungsnummer zu  beantragen, denn wir hätten weder eine „Permanent Resident Card“, d.h. eine zeitlich unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis, besser bekannt als „green card“ noch eine Arbeitserlaubnis (EAD = Employment Authorization Document) vorzuweisen. 

Sie verwies mich mit einem leichten Anflug von Mitleid an die amerikanische Einwanderungsbehörde USCIS (US Citizenship and Immigration Services). Immerhin eine leichte Gefühlsregung, aber meine ausgefüllten Formulare behielt sie ein. Als ich die Adresse in mein GPS eingab, stellte sich heraus, dass sich diese Behörde im Stadtzentrum befand, d.h. relativ weit von unserem derzeitigen Standort entfernt. Wir beschlossen daher, die Begegnung mit weiteren amerikanischen Beamten auf den morgigen Vormittag zu verschieben, um frisch und ausgeruht an die nächste bürokratische Hürde heranzugehen. Wer wusste schon, was dort auf uns zukam???

Link: Social Security Online

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Container

Die erste große Herausforderung ereilte uns schon kurz nach unserer Rückkehr: Nach fünf langen Wochen sollte unser Container angeliefert werden, den wir natürlich sehnsüchtig erwartet hatten. Schließlich gewöhnt man sich im Laufe des Lebens an einige Dinge wie z.B. einen Kaffee-Vollautomaten, Lümmelsofa, Plüschtiere oder Kerzenleuchter und möchte diese nicht länger als notwendig missen, zumal sie einem das Gefühl vermitteln, dass „Heimat“ überall auf der Welt sein kann. 

Die Spedition rief also an, um den Liefertermin zu bestätigen. Dies war zweifellos eine gute Nachricht. Weniger gut war der gleichzeitige Hinweis, dass man in unsere enge Straße keinen Container liefern könne, sondern auf einen kleineren Möbeltransporter umladen müsste. Ich war sehr verblüfft. Schließlich wohnten wir in einer normalen Straße, die mir noch nie als besonders schmal aufgefallen war. Eine diesbezügliche Anmerkung hatte zur Folge, dass der Speditionsmitarbeiter erstens auf Satellitenbilder bei Google Maps und zweitens auf seine 30-jährige Erfahrung als Spediteur verwies. Offenbar war er in dieser langen Zeit noch nie in unsere Gegend gekommen und musste daher auf Luftaufnahmen auf dem Internet zurückgreifen. Sehr verwunderlich! Weniger verwunderlich war dann die Information, dass wir für das Umladen 400 $ zahlen sollten – am besten bar und natürlich vor der Entladung. Ich erwähnte, dass wir erst einmal klären müssten, wer diese zusätzlichen Kosten übernimmt und dass es wohl am besten sei, die Anlieferung um 1-2 Tage zu verschieben. Er wies mich daraufhin dezent darauf hin, dass sich der Termin leider um eine  ganze Woche verschieben würde, falls wir nicht bereits wären privat in Vorlage zu treten. So gingen die Verhandlungen noch eine Weile per Telefon und E-Mails hin und her, bis ich schließlich mit den Nerven am Ende einwilligte. 

Unsere Möbel wurden auch prompt am nächsten Tag angeliefert und bis auf das Skateboard meines Sohnes und einer Blumenvase hatten alle Teile die weite Reise unbeschadet überlebt. Wir begrüßten jedes Möbelstück wie einen guten alten Bekannten, packten begeistert aus, räumten ein und feierten mit unserem Hab und Gut ein fröhliches Wiedersehen. Überraschenderweise passten unsere manchmal etwas eigenwilligen Möbelkombinationen sehr gut in die hiesigen Räumlichkeiten und wir waren froh, so viele Möbelstücke aus Deutschland mitgenommen zu haben. 

Die fehlenden Möbel kauften wir bei Ikea ein, den es seit kurzem in Schaumburg, etwas außerhalb von Chicago, gibt. Die Produktpalette ist zwar nicht identisch mit der europäischen, aber die Auswahl immer noch recht stattlich. Zunächst hatten wir aufgrund unseres begrenzten Aufenthalts in Erwägung gezogen, Möbel bzw. die ein oder andere komplette Zimmerausstattung zu mieten. Aufgrund der Höhe des Mietpreises haben wir von diesem Vorhaben wieder Abstand genommen. Dies ist aber bestimmt eine interessante Alternative für kurzfristige USA-Aufenthalte, die auf einige Monate begrenzt sind. 






Mittwoch, 27. Oktober 2010

Door Peninsula

Kurz nach unserer glücklichen Ankunft in den USA einige Wochen später, ging es erstmal in den wohlverdienten Urlaub auf die Door Peninsula nach Wisconsin, 250 Meilen nördlich von Chicago. Zu Recht eine der beliebtesten Urlaubsregionen am Michigansee und für einen Familienurlaub sehr zu empfehlen. Dort frönten wir dem amerikanischen Landleben. Wir sprangen jeden Tag in den See, besichtigten die Nationalparks, besuchten idylische Städtchen namens Egg Harbor, Fish Creek oder Sister Bay, übten uns im Tandem- und Jetskifahren und futterten uns mit Hilfe des erstaunlich gut sortierten Dorfsupermarktes durch einige gesunde und viele ungesunde Köstlichkeiten. Schließlich waren wir ja im Urlaub!

Durch Zufall entdeckten wir ein Hand-On Art-Studio, das Besuchern die Möglichkeit bietet, sich in vielen Kunsthandwerken auszuprobieren. Die Kinder beschlossen sofort, sich in diversen Fertigkeiten zu probieren, so dass ein nicht unbeträchtlicher Teil unseres Urlaubsbudgets für die Erstellung einer Glaskeramik, eines Mosaikspiegels, eines Gartendekoschweins sowie eines Schwertes eingesetzt wurde. Nur die limitierte Größe unseres Kofferraums verhinderte weitere künstlerische Pläne.

Auf einer unserer Ausflüge kamen wir eines Tages an einer Farm vorbei, die neben einem Markt mit regionalen Spezialitäten auch verschiedene Trolleyfahrten anbot. Eine dieser Touren hörte sich überaus spannend an: eine sogenannte Ghosttour, die in der Abenddämmerung startete und uns über mysteriöse und unerklärliche Geschehnisse aus der Vergangenheit informieren sollte. Wir beschlossen uns den dunklen Kapiteln dieser Gegend zu stellen und meldeten uns an. Kurz vor der Abfahrt erschien unser Fahrer mit einem Dracula-Umhang, begrüßte uns überschwänglich und erklärte uns, dass dies seine Lieblingstour sei und er wir uns auf spannende zwei Stunden freuen könnten. Dann tuckerten wir los. Wir hielten an typisch amerikanischen Holzhäusern, hinter deren idyllischer Fassade sich vor langer Zeit düstere Ereignisse abgespielt haben sollten. Kinder, die aufgrund von Unglücksfällen verschiedener Art früh verstarben, erschienen ihrer Familie mitten in der Nacht als Geister, Familienmitglieder, die bei einem Brand ums Leben kamen, waren als Schatten auf Familienfotos zu sehen, ein junges Mädchen, das einer heimtückischen Krankheit zum Opfer gefallen war, zeigte sich zuweilen am Fenster ihres ehemaligen Zimmers, Seeleute, die bei einem Schiffsunglück auf dem See ihr Leben ließen, spukten alljährlich am Tag des Unglücks an der Küste umher, die erste Leuchtturmwärterin der Gegend, die zu Lebzeiten ihr Haus und ihren Leuchtturm tadellos in Ordnung gehalten hatte, räumte auch nach ihrem Tod noch nachts die Küche auf und weckte durch ihre Aktivitäten regelmäßig ihre Nachfolger auf. Selbst auf dem Friedhof, auf dem wir die Grabsteine der Unglücksraben besuchten, spielten sich zuweilen seltsame Dinge ab, indem Utensilien, die an die Gräber gelegt wurden, um den Toten zu gedenken, plötzlich verschwanden oder an anderer Stelle wieder auftauchten. Wir waren auf jeden Fall ziemlich erstaunt über all diese übernatürlichen Phänomene und lauschten gespannt der sonoren Stimme unseres Fahrers.

Auf der Rückfahrt lief Mr. Twilight erst richtig zur Hochform auf, denn er spielte auf einmal ganz neuzeitlich Filmmusik zum Thema Geister und Monster an und wir mussten die entsprechenden Filme erraten. Danach begann er die jeweiligen Lieder lautstark mitzusingen und forderte uns auf es ihm gleichzutun bzw. seinen Gesang durch lautes Klatschen und Schnippen zu unterstützen. So intonierten wir mehr oder weniger erfolgreich die Titelmelodien von Ghostbusters, Monster Mash, der Addams Family und der Munsters, heulten wie die Werwölfe und sangen als absolutes Highlight „Thriller“ von Michael Jackson. Ein bisschen Show gehört in Amerika eben immer dazu. Die noch aktiven Geister und sonstige Fabelwesen in der Umgebung fragten sich sicher, wie sie dem lärmenden Trolley am besten den Garaus machen könnten. So erreichten wir gut gelaunt und wieder in der Gegenwart angekommen, unseren Ausgangspunkt. Der abendliche Ausflug hatte sich ohne Frage gelohnt!

Um unserem Urlaub einen würdigen Abschluss zu geben, beschlossen wir am letzten Abend die regionale Spezialität schlechthin zu kosten: eine Fish Boil. Im Hotel hatte ich einen sehr ansprechenden Hochglanzflyer entdeckt, der ein Restaurant in der Nähe bewarb, in dem man eben diese Köstlichkeit jeden Abend genießen konnte. Gespannt machten wir uns auf den Weg dorthin. Die Ankunft war etwas ernüchternd, denn bei dem Restaurant handelte es sich um eine bessere Holzbaracke mit einer Theke und langen Tischen und Stühlen, die den Flair einer Bahnhofskaschemme aus den 50er Jahren versprühte. Immerhin brodelte davor auf offenem Feuer ein großer Topf mit Salzwasser, in dem sich vermutlich der Fisch, rote Kartoffeln und Zwiebeln in einem gusseisernen Kessel befanden. Als das Fischöl an die Oberfläche kam, wurde noch etwas Kerosin ins Feuer gegeben. Dadurch kochte der Topf über und das Fischöl schwappte heraus. Das Essen war damit fertig gekocht und wurde auf Plastiktellern serviert. Als weitere Beilage gab es noch den allgegenwärtigen Coleslaw – die amerikanische Version von Krautsalat. Zum Trinken gab es wahlweise Limonade aus Plastikbechern oder Dosenbier.

Trotz des wenig stilvollen Ambientes schmeckte das Essen hervorragend. Wir futterten fröhlich vor uns hin und stimmten jedem Nachschlag gerne zu. Das Dessert in Form von Kirschkuchen wurde gleich mit dem Hauptgang serviert. Dies ist für Europäer ziemlich ungewohnt, aber die Amerikaner sehen auch den Besuch eines Restaurants offensichtlich ganz pragmatisch, denn dieser dient schließlich der Nahrungsaufnahme und auch dabei will man keine unnötige Zeit verlieren. Nach einer Stunde waren wir die letzten Gäste. Um uns herum war schon wieder für die erste Fish Boil des nächsten Tages eingedeckt und die Angestellten kreisten ständig um uns herum und fragten, ob denn alles in Ordnung sei. Wir wurden zwar nicht aufgefordert, uns mit dem Essen zu beeilen, aber es lag doch eine spürbare Ungeduld in der Luft. Deutsche Gemütlichkeit ist den USA leider völlig unbekannt. So verließen wir kurz nach 20.00 Uhr das Restaurant und als wir vom Parkplatz rollten, war dieses bereits dunkel und die Angestellten eilten ebenfalls zu ihren Fahrzeugen. Wir waren fassungslos! Um diese Uhrzeit nippt man in Deutschland gerade mal an seinem Aperitif und in Südeuropa fängt man an, sich über die Abendgarderobe Gedanken zu machen. Tja – Amerika ist eben das Land der „early birds“ und dies gilt auch für das Abendessen. Daran mussten wir uns wohl oder übel gewöhnen.

Tipp: doorcounty

Sonntag, 24. Oktober 2010

Visumantrag

Der nächste Schritt zur erfolgreichen Übersiedelung in die USA besteht darin, einen Antrag für ein Nichteinwanderungsvisum zu stellen. Hier gilt es zunächst das seitenlange Onlineformular DS-160 auszufüllen, das jeden deutschen Datenschützer auf die Barrikaden treiben müsste. Hat man es tatsächlich geschafft, diesen Fragebogen nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen, steht zugleich die nächste Herausforderung bevor: das hochzuladende Foto! Weißer Hintergrund, 5 x 5 cm, unverdeckte Ohren, kein offenes Lächeln. Letzeres erledigt sich durch die Vorgaben automatisch von selbst, da selbst der motivierteste Mitarbeiter eines deutschen Fotostudios irgendwann nur noch froh ist, wenn die Aufnahme im Kasten ist. 

Anschließend muss man telefonisch einen Termin beim Konsulat vereinbaren, um das Visum zu beantragen. Der erste Kontakt mit Mitarbeiter amerikanischer Behörden ist meistens ziemlich ernüchternd. Man wird bereits am Telefon nach Formularen und Beglaubigungen gefragt, von denen man noch nie gehört hat und nachdem man glaubhaft versichert hat, sich um die Beschaffung derselben zu kümmern, bekommt man Terminvorschläge mitgeteilt, die nicht unbedingt das dem eigenen Wohnsitz nächste Konsulat betreffen. Schließlich könnte ja jeder auf die Idee kommen, in die USA überzusiedeln. Zähe Verhandlungstaktik ist also angesagt, um den Konsulatsmitarbeiter zu bewegen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, um einen geeigneten Termin zu ergattern. 

Die Stunde Null der Visumbeschaffung schlug einige Wochen später. Bewaffnet mit einem Stapel Unterlagen, unseren Reisepässen und ausreichend Bargeld zog ich eine Nummer und stand artig und vor allem pünktlich in der Schlange, um Einlass in das amerikanische Konsulat in Frankfurt zu erhalten. Nachdem ich es durch alle Sicherheitsschleusen geschafft hatte, beantwortete ich ebenso artig alle Fragen an dem mir zugeteilten Schalter, bezahlte ohne zu Murren einen Aufschlag auf die Visumsgebühr, da sich der Wechselkurs in der Zwischenzeit zugunsten des Dollar geändert hatte und beantwortete ebenso artig alle Fragen, die mir ein Konsulatsmitarbeiter gelangweilt stellte. Und siehe da – meine Geduld schien sich auszuzahlen, denn mir wurde mitgeteilt, mit meinen Unterlagen sei alles in Ordnung und ich bekäme meinen Reisepass innerhalb einer Woche zugeschickt. Erleichtert machte ich mich auf den Heimweg, nicht ohne vorher meinen Mann zu informieren, dass dem Nachzug der Familie nun zumindest von behördlicher Seite nichts mehr im Wege stünde. Auch er war sichtlich erleichtert. Schließlich hatten wir schon die wildesten Geschichten gehört, aus welchen oft nicht nachvollziehbaren Gründen Visa abgelehnt werden.
Tipps:



Freitag, 22. Oktober 2010

Wigwamsuche

Die Suche nach einem geeigneten Domizil dauerte länger als geplant. Wir waren zwar hohe Mietpreise gewohnt, aber Chicago eröffnete uns ganz neue Dimensionen. Zwar hatten wir mit einer Maklerin diverse Objekte während unseres ersten Besuchs besichtigt, aber der Zustand der Wohnungen bzw. Häuser in Verbindung mit dem dafür geforderten Mietpreis machten uns ziemlich fassungslos. Manche Mietobjekte waren in einem solch desolaten Zustand, dass wir mutmaßten, das die letzten Mieter wohl schon kurz nach Ende des amerikanischen Bürgerkrieges ausgezogen sein mussten. Die Laune der Maklerin korrelierte zunehmend mit unserem schwindenden Optimismus eine passende Unterkunft zu finden. Ich beschloss daher auf eigene Faust im Internet zu recherchieren. Nachdem ich eine rührige Maklerin aufgetan hatte, die unser Budget nicht für völlig aussichtlos hielt, besichtigte ich virtuell Dutzende von Wohnungen, Häusern und weiteren seltsamen Immobilienobjekten, von denen es  immerhin eine Handvoll in unsere engere Auswahl schafften. 

Es reicht übrigens völlig aus mit einer Agentur zusammenzuarbeiten, da der Immobilienmarkt in USA offen ist, d.h. alle Makler greifen auf das gleiche Angebot zu. Da ich dies aber am Anfang nicht wusste, holte ich am Anfang Angebote von verschiedenen Immobilienfirmen ein, bis ich mir vorkam wie in dem Film „und täglich grüßt das Murmeltier“, denn ich schaute mir immer wieder die gleichen Häuser an.
Nach meiner Vorauswahl wurde mein Mann aktiv und besichtigte die Objekte unserer Begierde vor Ort, machte selbst Fotos und hilfreiche Notizen, die der anschließenden Besprechung via Skype dienlich waren.  Und das Wunder geschah – nach einigen Wochen und zähen Verhandlungen wurden wir tatsächlich fündig. Ein kleines altes amerikanisches Holzhaus in einem adretten Stadtviertel im Norden Chicagos sollte unsere neue Basisstation werden. Immerhin besaß es einen kleinen Garten und eine große Garage – beides ein absoluter Luxus in Stadtnähe. 

Ein großer Vorteil von amerikanischen Häusern ist, dass sie mit einer kompletten Küche, mehr als genügend Badezimmern sowie Waschmaschine und Trockner ausgestattet sind. Außerdem verfügen alle Schlafzimmer über eingebaute oder begehbare Kleiderschränke oder ganze Ankleidezimmer. Dies hängt vermutlich damit  zusammen, dass  Amerikaner im Durchschnitt viel öfter umziehen als Europäer. Daher leben viele Amerikaner praktischerweise in sogenannten „mobile houses“, die sie bei Bedarf einfach aufladen und mitumziehen. Die Umzüge stehen in direktem Zusammenhang mit den häufigeren Jobwechseln, d.h. die Amerikaner ziehen sozusagen ihren Jobs hinterher und dies nicht selten durch das ganze Land.

Tipp: @properties

Sonntag, 17. Oktober 2010

On an expats' mission...

...oder wie überlebt man als schrecklich nette deutsche Familie in den USA?

Vor einigen Wochen haben wir unser beschauliches deutsches Zuhause verlassen und sind für zwei Jahre nach Chicago übergesiedelt. Durch frühere Geschäfts- und Privatreisen nicht ganz unbedarft sowie durch ein interkulturelles Training bestens motiviert, stellten wir jedoch fest, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob man in den USA nur als kurzzeitiger Besucher weilt oder dort im Alltag überleben will!!

Zwar bin ich bei Internetrecherchen nach Informationen über das Leben in den USA im allgemeinen und im mittleren Westen im speziellen durchaus fündig geworden, aber rundum zufriedenstellende Inhalte habe ich nicht entdeckt. Daher habe ich beschlossen, unser Abenteuer zu dokumentieren, um Besucher meines Blogs, die mit einem längeren USA-Aufenthalt liebäugeln, umfassend zu informieren, zu motivieren und zu unterhalten.

Für konstruktive Anregungen, Hinweise oder Ergänzungen bin ich jederzeit dankbar.

Viel Spaß bei der Lektüre...