Kurz nach unserer glücklichen Ankunft in den USA einige Wochen später, ging es erstmal in den wohlverdienten Urlaub auf die Door Peninsula nach Wisconsin, 250 Meilen nördlich von Chicago. Zu Recht eine der beliebtesten Urlaubsregionen am Michigansee und für einen Familienurlaub sehr zu empfehlen. Dort frönten wir dem amerikanischen Landleben. Wir sprangen jeden Tag in den See, besichtigten die Nationalparks, besuchten idylische Städtchen namens Egg Harbor, Fish Creek oder Sister Bay, übten uns im Tandem- und Jetskifahren und futterten uns mit Hilfe des erstaunlich gut sortierten Dorfsupermarktes durch einige gesunde und viele ungesunde Köstlichkeiten. Schließlich waren wir ja im Urlaub!
Durch Zufall entdeckten wir ein Hand-On Art-Studio, das Besuchern die Möglichkeit bietet, sich in vielen Kunsthandwerken auszuprobieren. Die Kinder beschlossen sofort, sich in diversen Fertigkeiten zu probieren, so dass ein nicht unbeträchtlicher Teil unseres Urlaubsbudgets für die Erstellung einer Glaskeramik, eines Mosaikspiegels, eines Gartendekoschweins sowie eines Schwertes eingesetzt wurde. Nur die limitierte Größe unseres Kofferraums verhinderte weitere künstlerische Pläne.
Auf einer unserer Ausflüge kamen wir eines Tages an einer Farm vorbei, die neben einem Markt mit regionalen Spezialitäten auch verschiedene Trolleyfahrten anbot. Eine dieser Touren hörte sich überaus spannend an: eine sogenannte Ghosttour, die in der Abenddämmerung startete und uns über mysteriöse und unerklärliche Geschehnisse aus der Vergangenheit informieren sollte. Wir beschlossen uns den dunklen Kapiteln dieser Gegend zu stellen und meldeten uns an. Kurz vor der Abfahrt erschien unser Fahrer mit einem Dracula-Umhang, begrüßte uns überschwänglich und erklärte uns, dass dies seine Lieblingstour sei und er wir uns auf spannende zwei Stunden freuen könnten. Dann tuckerten wir los. Wir hielten an typisch amerikanischen Holzhäusern, hinter deren idyllischer Fassade sich vor langer Zeit düstere Ereignisse abgespielt haben sollten. Kinder, die aufgrund von Unglücksfällen verschiedener Art früh verstarben, erschienen ihrer Familie mitten in der Nacht als Geister, Familienmitglieder, die bei einem Brand ums Leben kamen, waren als Schatten auf Familienfotos zu sehen, ein junges Mädchen, das einer heimtückischen Krankheit zum Opfer gefallen war, zeigte sich zuweilen am Fenster ihres ehemaligen Zimmers, Seeleute, die bei einem Schiffsunglück auf dem See ihr Leben ließen, spukten alljährlich am Tag des Unglücks an der Küste umher, die erste Leuchtturmwärterin der Gegend, die zu Lebzeiten ihr Haus und ihren Leuchtturm tadellos in Ordnung gehalten hatte, räumte auch nach ihrem Tod noch nachts die Küche auf und weckte durch ihre Aktivitäten regelmäßig ihre Nachfolger auf. Selbst auf dem Friedhof, auf dem wir die Grabsteine der Unglücksraben besuchten, spielten sich zuweilen seltsame Dinge ab, indem Utensilien, die an die Gräber gelegt wurden, um den Toten zu gedenken, plötzlich verschwanden oder an anderer Stelle wieder auftauchten. Wir waren auf jeden Fall ziemlich erstaunt über all diese übernatürlichen Phänomene und lauschten gespannt der sonoren Stimme unseres Fahrers.
Auf der Rückfahrt lief Mr. Twilight erst richtig zur Hochform auf, denn er spielte auf einmal ganz neuzeitlich Filmmusik zum Thema Geister und Monster an und wir mussten die entsprechenden Filme erraten. Danach begann er die jeweiligen Lieder lautstark mitzusingen und forderte uns auf es ihm gleichzutun bzw. seinen Gesang durch lautes Klatschen und Schnippen zu unterstützen. So intonierten wir mehr oder weniger erfolgreich die Titelmelodien von Ghostbusters, Monster Mash, der Addams Family und der Munsters, heulten wie die Werwölfe und sangen als absolutes Highlight „Thriller“ von Michael Jackson. Ein bisschen Show gehört in Amerika eben immer dazu. Die noch aktiven Geister und sonstige Fabelwesen in der Umgebung fragten sich sicher, wie sie dem lärmenden Trolley am besten den Garaus machen könnten. So erreichten wir gut gelaunt und wieder in der Gegenwart angekommen, unseren Ausgangspunkt. Der abendliche Ausflug hatte sich ohne Frage gelohnt!
Um unserem Urlaub einen würdigen Abschluss zu geben, beschlossen wir am letzten Abend die regionale Spezialität schlechthin zu kosten: eine Fish Boil. Im Hotel hatte ich einen sehr ansprechenden Hochglanzflyer entdeckt, der ein Restaurant in der Nähe bewarb, in dem man eben diese Köstlichkeit jeden Abend genießen konnte. Gespannt machten wir uns auf den Weg dorthin. Die Ankunft war etwas ernüchternd, denn bei dem Restaurant handelte es sich um eine bessere Holzbaracke mit einer Theke und langen Tischen und Stühlen, die den Flair einer Bahnhofskaschemme aus den 50er Jahren versprühte. Immerhin brodelte davor auf offenem Feuer ein großer Topf mit Salzwasser, in dem sich vermutlich der Fisch, rote Kartoffeln und Zwiebeln in einem gusseisernen Kessel befanden. Als das Fischöl an die Oberfläche kam, wurde noch etwas Kerosin ins Feuer gegeben. Dadurch kochte der Topf über und das Fischöl schwappte heraus. Das Essen war damit fertig gekocht und wurde auf Plastiktellern serviert. Als weitere Beilage gab es noch den allgegenwärtigen Coleslaw – die amerikanische Version von Krautsalat. Zum Trinken gab es wahlweise Limonade aus Plastikbechern oder Dosenbier.
Trotz des wenig stilvollen Ambientes schmeckte das Essen hervorragend. Wir futterten fröhlich vor uns hin und stimmten jedem Nachschlag gerne zu. Das Dessert in Form von Kirschkuchen wurde gleich mit dem Hauptgang serviert. Dies ist für Europäer ziemlich ungewohnt, aber die Amerikaner sehen auch den Besuch eines Restaurants offensichtlich ganz pragmatisch, denn dieser dient schließlich der Nahrungsaufnahme und auch dabei will man keine unnötige Zeit verlieren. Nach einer Stunde waren wir die letzten Gäste. Um uns herum war schon wieder für die erste Fish Boil des nächsten Tages eingedeckt und die Angestellten kreisten ständig um uns herum und fragten, ob denn alles in Ordnung sei. Wir wurden zwar nicht aufgefordert, uns mit dem Essen zu beeilen, aber es lag doch eine spürbare Ungeduld in der Luft. Deutsche Gemütlichkeit ist den USA leider völlig unbekannt. So verließen wir kurz nach 20.00 Uhr das Restaurant und als wir vom Parkplatz rollten, war dieses bereits dunkel und die Angestellten eilten ebenfalls zu ihren Fahrzeugen. Wir waren fassungslos! Um diese Uhrzeit nippt man in Deutschland gerade mal an seinem Aperitif und in Südeuropa fängt man an, sich über die Abendgarderobe Gedanken zu machen. Tja – Amerika ist eben das Land der „early birds“ und dies gilt auch für das Abendessen. Daran mussten wir uns wohl oder übel gewöhnen.
Tipp: doorcounty
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