Donnerstag, 25. November 2010

Missed connections

Durch meine zwiespältigen Erfahrungen im Straßenverkehr sensibilisiert für Verkehrsthemen aller Art, las ich einige Tage später einen Artikel über eine sehr interessante Studie, die die Website craigslist – eine Börse für Gratisinserate aller Art – in Auftrag gegeben hatte. Sie wollte herausfinden, welche Metro-Haltestelle und welche Metrolinie in Chicago die romantischste ist. Über einen Zeitraum von vier Wochen wurden 250 Anzeigen untersucht, die in der Rubrik „missed connections“ aufgegeben worden waren. 

Bei diesen Anzeigen handelt es sich um eine Art moderne Flaschenpost des Internet-Zeitalters. Man erspäht im Supermarkt, an einer Haltestelle oder in einem Zug ein Fabelwesen, stellt Blickkontakt her oder weicht diesem aus, plaudert munter drauf los oder traut sich nicht  es anzusprechen oder starrt das Objekt der Begierde verhohlen an oder ihm hinterher und fragt sich hinterher, warum man sich in solch einer wichtigen Situation wie der letzte Idiot verhalten hat. Doch dank craigslist ist noch nicht aller Tage Abend, denn man begibt sich auf deren Website und gibt einfach eine Suchanzeige auf in der Hoffnung, dass diese vom richtigen Empfänger gelesen und beantwortet wird. 

Die Reihenfolge der romantischsten Plätze des örtlichen Nahverkehrs basieren auf dem sogenannten TRIST – dem „Train Romance Index Score Total“, d.h. die Anzahl der „missed connections“, die eine bestimmte Haltestelle oder Linie nennen wird durch die Anzahl der Fahrgäste geteilt, die diese Haltestelle oder Linie pro Jahr nutzen. Die Studie ergab, dass die Belmont die romantischste Haltestelle ist, zur romantischsten Linie wurde die rote(!) gekürt. Vielleicht sollte ich öfter das Auto stehen lassen und mich dafür lieber mit offenen Augen und Ohren in den öffentlichen Nahverkehr stürzen?! Auf jeden Fall gehören die „missed connections“ bei craigslist mittlerweile zu der am meisten gelesenen Rubrik und ich muss gestehen, dass der Unterhaltungswert dieser Anzeigen durchaus hoch ist, denn von schüchtern über schleimig bis verzweifelt oder gar verschlüsselt ist alles vertreten.

Donnerstag, 18. November 2010

Straßenverkehr

Nachdem ich mich nun schon seit einiger Zeit durch den amerikanischen Straßenverkehr bewege, glaube ich einen grundlegenden Unterschied festgestellt zu haben. In Deutschland benutzt man in der Regel ein Auto, um schnell von A nach B zu gelangen, d.h. es ist ein Fortbewegungsmittel, um Entfernungen möglichst schnell zu überbrücken. In den USA ist das Auto eher ein mobiler Aufenthaltsort, d.h. es wird munter telefoniert, gegessen, getrunken, geraucht und ab und ab mal kurz auf die Straße geschaut und bedächtig weitergerollt, falls es die Verkehrslage zulässt. Dies hängt natürlich mit den größeren Entfernungen zusammen. Dadurch sitzen die Amerikaner viel mehr Zeit im Auto  und versuchen neben dem Autofahren auch noch andere Dinge zu erledigen. 

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Amerika ziemlich einfach ist eine Fahrerlaubnis zu bekommen. Die Voraussetzungen sind eine theoretische und eine praktische Prüfung sowie ein Sehtest. Der praktische Teil besteht darin, dass man einmal um den Block fährt! Das sind natürlich herrliche Prüfungsbedingungen, zumal der Führerschein schon mit 16 Jahren möglich ist. Sich mit dieser Grundausbildung auf den Highway zu trauen ist meiner Meinung nach eine echte Mutprobe! Kein Wunder, dass Amerikaner auf den deutschen Autobahnen das kalte Grausen packt. Es gibt wohl einen Aufkleber mit der Aufschrift: I survived the German Autobahn! 

Interessanterweise tragen die Schulbusse sowie die meisten Lastwagen ein Schild auf der Rückseite mit der Aufschrift: “How am I driving?“ inklusive Telefonnummer für Rückmeldungen.  Schade, dass diese Idee noch nicht in Deutschland angekommen ist.

Mittwoch, 17. November 2010

Frozen custard

Die Amerikaner lieben Eiskrem in jeder Form. Daher gibt es neben den Klassikern die unglaublichsten Geschmacksrichtungen und –kombinationen, viele verschiedene Waffelformen und noch mehr verschiedene Toppings, Shots oder Dekozuckerwerk. Selbst die kleinste Größe sättigt für den Rest des Tages, aber stellt einen großen Genuss dar, wenn man jegliche Gedanken an die Kalorienanzahl ausblendet. 

Eine Eisspezialität war uns aber bisher gänzlich unbekannt – Frozen Custard. Es dauerte etwas, bis wir begriffen hatten, dass sich hinter diesem Namen nicht die amerikanische Variante des Eismanns verbirgt, sondern eine eiscremeähnliche Köstlichkeit. Genau gesagt handelt es sich um gefrorene Eiercreme, die aussieht wie ein Softeis, aber deren Konsistenz sämiger und reichhaltiger ist. Ein wahrer Gaumenschmaus, der ebenfalls in immer wieder neuen Geschmacksrichtungen angeboten wird. Hier deckt eine Portion wahrscheinlich den täglichen Kalorienbedarf eines amerikanischen Schwerarbeiters, aber wenn kümmert das schon, wenn man nach dem ersten Löffel bereits im siebten Eishimmel schwebt. 

Tipp: scooter's

Freitag, 12. November 2010

Fitness

Noch nie im Leben habe ich so viele dicke Menschen gesehen wie in den USA. Gleichzeitig habe ich auch noch nie so viele Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung durch die Straßen joggen sehen. Die meisten sind im knappen Sportoutfit und mit Knopf im Ohr ziemlich flott unterwegs. Erfreulicherweise hat sich Nordic Walking noch nicht etabliert oder diese Sportart ist hier bereits kläglich gescheitert, da sie den Amerikanern zu langsam ist...

Da die Winter in Chicago sehr kalt sind, so dass Outdoorsport schwierig wird, empfiehlt es sich rechtzeitig nach einem guten Fitnessstudio umzusehen, damit es die Fettpölsterchen in der kalten Jahreszeit mit all ihren Festivitäten nicht allzu einfach haben. Gesagt, getan. Nachdem sich einige der Fitnessstudios, deren Werbecoupons ich aus der Post gefischt hatte, als Muckibude entpuppt hatten, landete ich schließlich in einem „Athletics Club“, das sich in einem alten, aber sehr schön renovierten Backsteingebäude befindet. Die Ausstattung ist vom Feinsten, die Anzahl und Vielfalt der Kurse ansprechend und es gibt sowohl einen Indoor- als auch einen Outdoorpool. Außerdem verfügt der Club über eine beeindruckende Kletterwand. Ich beschloß also eine Mitgliedschaft zu wagen und schaute mir zunächst die Spinningkurse an. Zunächst stellte ich fest, dass die Kurse nur 50 Minuten dauern bzw. mit je fünf Minuten Warm-up und Cool-down eigentlich nur 40 Minuten – die Mindestdauer, damit sich der Fettstoffwechsel überhaupt in Bewegung setzt. Außerdem liegt vor dem Kurs eine Liste aus, auf der man sich ein Bike reserviert, denn es gilt: the early bird gets the best bike! 

Die ersten Spinningkurse starten übrigens bereits um 6.00 Uhr morgens und zwar täglich. Die Amerikaner lieben es nämlich, sich bereits vor der Arbeit sportlich zu betätigen. Diese Vorliebe scheint sich in Deutschland bisher noch nicht durchzusetzen. Ich erinnere mich, dass vor einiger Zeit in meinen Heimatstudio die ersten Spinningkurse um 7.00 Uhr angeboten wurden. Allerdings nur wenige Wochen, denn der einzige, der regelmäßig zum Kurs erschien, war der Trainer selbst. 

Wunderbar ist die Tatsache, dass die Handtücher gestellt werden und man sich seine Getränke selbst mitbringen kann, so dass einem neben dem Mitgliedsbeitrag nicht auch noch eine Getränkepauschale aufgedrückt wird. Erstaunt war ich allerdings, dass der komplette Umkleideraum mit Teppich ausgelegt ist, denn die Amerikaner sind immer sehr darauf bedacht, sich in einer aseptischen Umgebung zu bewegen. Auf dem Weg in die Dusche kam ich an einem Gerät vorbei, das auf den ersten Blick wie eine Waschmaschine in Kleinformat aussah. Diese entpuppte sich als „Swimsuit Water Extractor“, d.h. man wirft seinen nassen Badeanzug hinein, drückt den Deckel für einige Sekunden zu und schwuppdiwupp ist er wieder so gut wie trocken. Zur Sicherheit stehen noch Plastiktüten zur Verfügung, in die man seine Badesachen nach erfolgreicher Durchführung verschwinden lassen kann. Welch‘ praktische Erfindung – ich bin begeistert!


Donnerstag, 4. November 2010

Integrationsphasen

Im interkulturellen Training, das wir vor unserer Abreise durchlaufen haben, wurden verschiedene Phasen der Integration vorgestellt: Zu Beginn des Auslandsaufenthalts befindet man sich in einem normalen Gemütszustand. Nun ja, wenn ich an die emotionalen Abschiede und die Hektik der letzten Tage denke, würde ich diese Phase im Nachhinein eher als latenten Erschöpfungszustand mit gleichzeitiger extremer Anspannung bezeichnen. 

Danach kommt die sogenannte „Honeymoon Phase“. Alles ist neu und aufregend. Es gibt viel zu Entdecken und zu Bestaunen. Diese Phase haben wir in der Tat kennengelernt, intensiv durchlaufen und vor einigen Wochen hinter uns gelassen. Es folgt die Stressphase – der sogenannte Kulturschock! Man stellt fest, dass die Bewohner dieses Landes zwar zum großen Teil so aussehen wie Europäer, aufrecht gehen, in befestigten Unterkünften leben und zur Arbeit, in die Schule oder zum Einkaufen vorzugsweise mit dem eigenen Auto fahren, aber dann hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Ihr Lebensrhythmus und die Art und Weise, wie sie ihren Alltag bestreiten, unterscheidet sich deutlich von der europäischen  und meiner glaube ich ganz besonders. Die Amerikaner sind eine Nation von „early birds“, die offensichtlich auch am Wochenende gerne mit dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett springen, um ihren vielfältigen Aktivitäten nachzugehen, d.h. viele Veranstaltungen, egal ob sportlicher oder familiärer Natur, beginnen bereits um 7:30 oder 8:00 Uhr. Da öffnet in Deutschland gerade mal der Sonntagsbäcker seine Pforten  und die Schlange vor der Tür ist noch sehr überschaubar!

Die Symptome dieses Kulturschocks werden wie folgt beschrieben: Gefühle des Unwohlseins und der Frustration, Erschöpfung und Müdigkeit, starkes Heimweh, Gefühl der Hilfslosigkeit und Unfähigkeit, die Anforderungen des täglichen Lebens zu bewältigen, Wut und Ärger über Kleinigkeiten und der starke Wunsch mit Landsleuten zusammen zu sein. Alle Symptome kann ich in einer mehr oder weniger starken Ausprägung bestätigen. Anschließend kommt die sogenannte „Adaptionsphase“, in der man sich stufenweise an das Leben im fremden Land anpasst – nicht ohne den ein oder anderen kleinen Rückfall!