Samstag, 25. Dezember 2010

Happy Holidays

Die Vorweihnachtszeit beginnt in den USA exakt einen Tag nach Halloween – als ob ein Schalter umgelegt wird. Die kunstvoll über die Vorgärtenbüsche drapierten Spinnennetze, die liebevoll geschnitzten Kürbisse auf den Treppenstufen, die im Herbstwind sanft schaukelnden Skelette, die vielen Monsterfiguren aus Plastik, Folie oder Segeltuch sind wie vom Erdboden verschwunden. Die ganze Gruselstimmung ist mit einem Schlag einem hellen, bunten und blinkenden Winterwonderland gewichen. Diese Umstellung muss man als Neuamerikaner mit nostalgischen Anwandlungen erst einmal verkraften.

Glücklicherweise lag noch kein Schnee, der die Weihnachtsdekoration perfekt gemacht hätte. Dieser ließ aber nicht mehr lange auf sich warten und hatte sich schon seit Tagen durch einen grauweiß verhangenen Himmel und immer weiter fallenden Temperaturen angekündigt. Man konnte ihn schon förmlich riechen und die Spannung löste sich erst, als die erste Flocke endlich fiel.

Der erste Schneefall war der Startschuss für weiteres weihnachtliches Aufrüsten: In den Vorgärten tummelten sich nun Santa Claus mit oder ohne Schlitten respektive mit oder ohne Rentiere, Schneemänner, diverse Krippenausführungen, Kränze, Girlanden – letztere mit überdimensionalen roten Schleifen versehen, Lichterketten in allen Farben des Regenbogens gerne auch in blinkender Ausführung. Die Vorfreude auf Weihnachten ist groß und dies wird auch sichtbar zum Ausdruck gebracht. There is no time like Christmas time, hohoho!

Die beeindruckendste Weihnachtsdekoration sahen wir allerdings vor den Toren der Stadt: Das Haus war vom Giebel bis zur Garage mit Lichterketten geschmückt und auch im Vorgarten blieb kein Baum, kein Busch, kein Ast – ja noch nicht einmal ein Zweiglein vor dem bunten Lichtermeer verschont. Doch damit nicht genug, denn die Lichtinstallation reagierte auf Schallwellen und blinkte im Takt zu Weihnachtsliedern, die über eine Musikanlage vor der Haustüre die ganze Nachbarschaft beschallte. Ein beeindruckendes Schauspiel, wenn man die nicht unerheblichen Energiekosten außen vor lässt, aber schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten. Eigentlich heißt es ja schon seit einigen Jahren politisch korrekt „Happy Holidays“, denn man möchte kein religiöses Fest einer Glaubensgemeinschaft besonders hervorheben, um damit nicht die Gefühle anderer Religionsgemeinschaften zu verletzen. 

In den Shops herrscht Großkampfstimmung und die Auswahl an Weihnachtsartikeln lässt einen schwindlig werden. Nur Adventskränze konnten wir nicht entdecken – noch nicht einmal mit künstlichen Kerzen. Vielleicht passt der Aufwand, jeden Sonntag eine weitere Kerze anzuzünden nicht zu den sonstigen Wochenendaktivitäten, oder der Gedanke einen Kranz nicht aufhängen zu können, kam nicht so gut an. Möglichweise hat unser noch etwas ungeübte Shoppingauge die Auswahl an Adventskränzen auch schlicht und ergreifend übersehen. Wir bleiben an dem Thema dran und werden auch dieses Rätsel spätestens in der nächsten Adventszeit lösen.

Selbst im Fitnessstudio entkam man nicht dem Weihnachtsfieber. Die Trainer wiesen nicht ohne einen gewissen Anflug von Schadenfreude darauf hin, dass es erfahrungsgemäß die Wenigsten schaffen, den ganzen Weihnachtsleckereien zu widerstehen. Das Beste sei ein offensiver Zweikampf mit der Waage in Form eines präventiven, härteren Trainings vorab. Ich entschloss mich zu einer entspannten europäischen Haltung. 

Überhaupt beschränkten sich unsere Weihnachtsvorbereitung auf einen selbstbefüllten Adventskalender und den zweimaligen Versuch meiner Tochter, Nussstangen mit einem amerikanischen Ofen zu backen, der in Fahrenheit eingestellt werden wollte und Heißluft als Backform nicht kennt. Der erste Versuch floppte trotz importierter Originalzutaten aus Deutschland total. Die Nussstangen entpuppten sich als Nussbriketts und waren auch geschmacklich eine echte Herausforderung. Der zweite Versuch verlief vielversprechender, auch wenn sie noch nicht an die Backerfolge früherer Tage anknüpfen konnte. Glücklicherweise stand unsere Abreise nach Deutschland kurz bevor.

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