Man muss kein ausgewiesener USA-Liebhaber sein, um diesen Namen zu kennen. Ich wusste daher bereits, dass es sich um eine Talkshow-Queen handelt, aber das Ausmaß der Oprahmanie war mir völlig neu. Bereits zur Begrüßung hyperventiliert ein Teil der Studiogäste, spätestens wenn Oprah zum dritten Mal „oh my god“ ausruft, fällt ein weiterer Teil fast in Ohnmacht und am Schluß der Sendung befinden sich alle in einem kollektiven Freudentaumel. Dies hängt zum einen mit den hochkarätigen Studiogästen und zum anderen mit den überaus großzügigen Geschenken Oprahs zusammen, mit denen sie ihre Gäste immer wieder aufs Neue verzückt. Da sie sich gewissermaßen auf Abschiedstournee befindet, denn die Show wird nach 25 Jahren auf ihren Wunsch hin eingestellt, beschloss ich dem Oprah-Phänomen zügig auf die Spur zu kommen. Allerdings wird sie sich danach nicht in den Ruhestand zurückziehen, sondern ein Oprah-Winfrey-Network starten, auf dem sie vermutlich munter weiter talken und noch mehr Geld scheffeln wird, als bisher. Sie ist jetzt schon die reichste Frau der USA und gilt als äußerst einflussreich. Streng genommen ist sie nicht nur eine überaus beliebte Talkmasterin, sondern ein eigener Industriezweig, denn es gibt ein Oprah-Magazin, Oprah-Merchandising und eine Art Oprah-Buchclub. Wer es als Autor schafft, von ihr empfohlen zu werden, hat ausgesorgt, denn das Buch erhält dadurch den literarischen Ritterschlag und wird automatisch ein Bestseller.
Es dauerte nur wenige Sendungen und ich saß zwar nicht hysterisch kreischend auf dem Sofa, aber war bereits zum Oprah-Fan mutiert, denn ich fühlte mich nach jeder Sendung bereichert und am Puls der Zeit. Die Themen sind abwechslungsreich, aktuell, sehr gut recherchiert und spannend aufbereitet, die Studiogäste immer hochkarätig und in bester Erzähllaune.
Oprah legt ihre ganze Seele in die Interviews, stellt spannende Fragen und schafft es auf ihre einfühlsame, authentische Art, dass ihre Gesprächspartner ihr Innerstes nach außen kehren und sich dabei auch noch gut fühlen. Ein Interview bei Oprah ist wie eine Therapie und für manche sogar eine Katharsis, denn man hat das Gefühl, dass sie endlich einmal über die Themen reden dürfen, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Die Atmosphäre ist sehr emotional, es wird geredet, analysiert, diskutiert, viel gelacht und oft geweint, aber es wird selten kitschig und wirkt auch nicht inszeniert. Oprah Winfrey ist ein Phänomen, denn sie hat es geschafft, sich als feste Konstante im schnelllebigen, oberflächlichen, materialistischen Amerika und nun auch in meinem Leben zu etablieren – zumindest für die Dauer unseres USA-Aufenthalts.
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