Sonntag, 18. Dezember 2011

A holiday season in full swing!


Bereits Wochen vor Thanksgiving – immerhin dem wichtigsten Familienfest in den USA – sieht man sie vereinzelt in Geschäften, aber auch schon in Privatwohnungen stehen: Überaus großzügig geschmückte Weihnachtsbäume in voller Pracht. Teilweise sind die Bäume so behängt, dass sich die Nadelbaumart nur noch erahnen lässt und man sich wundert, dass das gute Stück nicht unter der Menge an Dekomaterial  zusammenbricht. Vermutlich gibt es eine spezielle Züchtung besonders robuster nordamerikanischer Tannen, die bereits von klein auf durch besondere Dünge- und Schnittmethoden auf ihre wichtige Aufgabe im Kreis amerikanischer Familien vorbereitet werden. 

Ende November gibt es dann kein Halten mehr und das Weihnachtsfieber greift überall um sich. Da werden wieder die Straßenlaternen mit grünen Zweigen und roten Bändern eingewickelt und mit überdimensionalen Candy Sticks versehen, zu den Weihnachtbäumen gesellen sich Kränze in verschiedenen Ausführungen. Ganze Häuserfassaden werden mit Lichterketten versehen, Treppengeländer mit ebensolchen eingewickelt und in den Vorgärten Schnee- und Weihnachtsmänner und Schlitten oder gar ganze Krippen aufgestellt. Am Wochenende finden Lichtershows und Holiday Parades statt und die Christkindlmarkets erfreuen sich größter Beliebtheit. 

Wir lassen uns an einem Sonntagnachmittag dazu hinreißen den größten dieser Märkte in der Chicagoer Innenstadt zu besuchen, flüchten aber bereits nach einer halben Stunde wieder, denn wahre Menschenmassen schieben sich auf der Suche nach originellen Weihnachtsgeschenken durch die Gänge zwischen den Holzbuden. Ganz dramatisch ist die Situation vor den Essensständen, obwohl sich diese auf bestimmte Gerichte oder Getränke spezialisiert haben. Nachdem wir fast eine halbe Stunde in der Bratwurst Line anstehen, ist unsere Geduld erschöpft, so dass wir dieses Jahr auf Glühwein und Kinderpunsch verzichten und das Weite suchen.

An den Wochenenden finden auch in vielen Kneipen Weihnachtsparties statt. Vor den Eingängen tummeln sich frierende Elfen und Christmas Girlies in kurzen Röckchen und dünnen Strumpfhosen. Die Weihnachtshysterie macht selbst vor dem Straßenverkehr nicht halt. Die sonst so drögen CTA-Busse wechseln ihr Display abwechselnd in eine ziemlich pixelige Rentierformation und in die Anzeige „Happy Holidays“. Vorzugsweise SUVs gehobenerer Ausführung haben einen Kranz am Kühlergrill befestigt und ganz Forsche wickeln ihre Dachreling mit Tannengrün ein oder verzieren diese mit Weihnachtsschmuck. Die Sache scheint klar. Von allen Festen scheint Weihnachten die Amerikaner immer noch am meisten in Verzückung zu versetzen und es ist so gut wie unmöglich, sich der überbordenden Weihnachtsstimmung mit dem einhergehenden Christmas Shopping-Angeboten zu entziehen. Eine Sache fehlt jedoch noch zum diesjährigen Winter Wonderland Feeling: Schnee! Zwar tummeln sich die Temperaturwerte bereits um den Gefrierpunkt, aber der Himmel zeigt sich unverdrossen wolkenlos. Sollte sich diese Situation bis zur Ankunft von Santa Claus nicht ändern, bin ich mir sicher, dass den innovationsfreudigen Amerikanern auch hierzu eine wunderbare Lösung einfallen wird.

Freitag, 2. Dezember 2011

Happy Turkey Day


Alle Jahre wieder schlägt am letzten Donnerstag im November für Millionen von Truthähnen das letzte Stündlein. Die bedauernswerten Tiere enden als feister Braten mit oder ohne Füllung mit diversen Beilagen wie z.B. Kürbisschnitze oder Kartoffelpüree und krönen das wichtigste amerikanische Familienfest.

Die Vorzeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses sind unübersehbar. Bereits Tage vorher nimmt der Verkehr noch chaotischere Zustände an als sonst und auch die Schlangen in den Supermärkten werden immer länger. Sich am Vortag von Thanksgiving in den Supermarkt zu begeben, grenzt an Selbstmord, es sei dann man hat seine Einkäufe vorbestellt. Da die Parkplätze und Parkhäuser hoffnungslos überfüllt sind, parken kreuz und quer Fahrzeuge mit laufendem Motor und Warnblinkanlage, denn deren Halter haben die Geduld, die Nerven oder beides verloren und sich todesmutig ins Getümmel zwischen den Supermarktregalen gestürzt oder versuchen, ein verloren gegangenes Familienmitglied zu finden. Wohl dem, der kein Familienfest vorbereiten muss, denn der Einkauf ist ja erst der Anfang. Danach ist ein stundenlanger Einsatz in der Küche gefragt, bis der Vogel endlich servierfertig ist. Die Situation ist auf jedem Fall vergleichbar mit dem hektischen Treiben am Vortag von Heiligabend in Europa. 

Natürlich gibt es in den servicefreundlichen USA mittlerweile auch den „Convenience turkey“, d.h. man kauft den Vogel bereits vorgekocht und gefüllt und schiebt ihn zu Hause nur noch einmal kurz in den Backofen. Für ganz Bequeme bietet sich die Variante „Turkey-to-go“ an. Einige Restaurants bieten ein Buffet an, an dem man sich sein Truthahnessen zusammenstellen und servierfertig mit nach Hause nehmen kann. Bei dieser breiten Skala an Möglichkeiten muss daher kein Familiengelage mehr aus Zeit- oder Geldmangel ausfallen.

Wer nicht in der Küche steht, sich auf dem Weg zu seinen Lieben befindet oder einfach keine Lust auf Thanksgiving hat, kann sich ungehemmt dem „Black Wednesday“, wie der Tag vor dem Fest auch genannt wird, hingeben. Viele Bars werben mit „Blackout-Partys“. Hier kann man sich auf die bevorstehende Familienfeier einstimmen, die Hektik der letzten Tage abstreifen oder sich einfach so alle Lichter ausschießen. Zu den beliebtesten Partys gehören das Turkey Testicle Festival, der Black Wednesday Trolley Crawl und der Turkey Trolley Trot. Auf der jährlichen Partyskala steht der Black Wednesday auf jeden Fall an vierter Stelle nach Halloween, Silvester und St. Patrick’s Day. 

An Thanksgiving selbst sind dann tatsächlich die meisten Läden geschlossen und die Straßen wirken wie ausgestorben. Es herrscht eine fast unwirkliche Atmosphäre. Dieses Land, dessen Bewohner eigentlich immer „busy“ sind, hält inne und zelebriert die Familie. Dies scheint aber nur einen Tag lang gut zu gehen, denn obwohl natürlich viele den Feiertag zum Anlass für ein verlängertes Wochenende nehmen, wurde der Tag nach Thanksgiving zum „Black Friday“ erklärt. An diesem Tag öffnen viele Geschäfte bereits um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden und locken die Kundschaft mit Sonderangeboten. Dieses Jahr haben wir ein Outlet entdeckt, dass sogar schon am Thanksgivingabend um 22.00 Uhr zum „Moonlight Madness Sale“ einlud. So fallen viele nahtlos vom Essens- ins Shoppingkoma, denn was ist naheliegender als mit gut gefülltem Bauch der Familienidylle zu entfliehen, um sich seinen Weihnachtseinkäufen zu widmen?

Mittwoch, 16. November 2011

Music Box Theatre


Eine glückliche Fügung des Schicksals führte mich eines Abends am Music Box Theatre auf der Southport Avenue vorbei. Nachdem ich den Plakaten entnommen hatte, dass es sich weniger um ein Musik- als vielmehr um ein Lichtspieltheater handelte, das unabhängige und europäische Filme jenseits des amerikanischen Mainstreams zeigte, stand mein Entschluss schnell fest, der Einrichtung bald einen Besuch abzustatten. 

Einige Tage später war es soweit. Ein französischer Film mit englischen Untertiteln war angekündigt und sollte meine persönliche Zuschauer-Premiere werden. Die Warteschlange vor der Kasse war sehr überschaubar und die Auswahl am Imbissstand ebenso, da man sich vorrangig auf den Knusperklassiker Popcorn in verschiedenen Variationen beschränkte. Auch das Interieur erinnerte mehr an ein mediterranes Theater als an ein Kino. In einer der Vitrinen, die Kinomemorabilia aus glanzvolleren Tagen zeigte, war zu lesen, dass das Kino bereits seit 1929 besteht, d.h. bereits zur Stummfilmzeit. Offensichtlich entsprach es dem Stil der damaligen Zeit ein Kino wie ein Theater zu gestalten und ein Kinobesuch hatte einen ganz anderen Stellenwert als heute. Es war vermutlich in der damaligen Zeit genauso aufregend sich einen Film anzusehen wie ein Theaterstück. Dem Zustand der Inneneinrichtung zu urteilen, hatten sich seitdem die Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten vermutlich aus finanziellen Gründen in engen Grenzen gehalten. 

Ein Überbleibsel aus der Stummfilmzeit erwartete uns im Kinosaal, denn dort wurden wir tatsächlich mit Live-Orgelmusik empfangen. Ich machte mich darauf gefasst, dass gleich die kleinen Strolche um die Ecke biegen würden, um sich vor Buster Keaton zu verstecken. Nachdem wir uns auf den betagten Sitzen niedergelassen hatten, machten wir weitere interessante Entdeckungen. Das Kino war wie ein südländischer Innenhof mit einer Fassade aus weißen Marmorelementen gestaltet und sogar mit einigen Balkonen versehen. Die Decke war als nächtlicher Sternenhimmel mit blinkenden Himmelskörpern und vorüberziehenden Wolken angelegt. Der Architekt wollte offenbar die Atmosphäre eines Open-Air-Kinos erzeugen. Komplettiert wurde diese wunderbare Illusion durch einen schweren, roten Samtvorhang, der hervorragend zum Bühnenbild passte. Der Organist klimperte fröhlich vor sich hin und versetzte uns bereits vor dem Filmstart in den siebten Kinohimmel. Welch ein seltsamer und wunderbarer Ort zugleich! 

Nach dem Film erfuhr ich, dass dieses ehrwürdige Haus sogar von einem Geist namens „Whitey“ bewohnt wird. Whitey war der erste Kinobesitzer und lebte mehr oder weniger in seinem Theater. Auch nach seinem Tod hat er ein wachsames Auge auf sein Lebenswerk und spukt vorrangig im vierten Gang in der Nähe des Hintereingangs. Nun kann man ja nicht erwarten, dass sich ein Geist gleich beim ersten Besuch präsentiert. Wahrscheinlich betrachtet er sich die Besucher erst einmal in Ruhe, bevor er in Erscheinung tritt oder er war unpässlich. Ein weiterer Grund bald wieder zu kommen.

Montag, 31. Oktober 2011

Monsterdash

Am Halloweenwochenende ging es wieder in der ganzen Stadt hoch her. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sah man kostümierte Figuren auf dem Weg  zu einer Party oder einer Parade durch die Straßen ziehen. Dieses Jahr entschied ich mich für die sportliche Variante und meldete mich für den Monsterdash Halbmarathon an, der für samstags 9.00 Uhr im Grant Park angesetzt war. Eine monsterfreundliche Startzeit, denn die sonstigen Läufe starten in der Regel bereits um 7.00 Uhr. 

Der Wettergott meinte es gut, denn trotz frischer Temperaturen wärmten die Sonnenstrahlen den Körper und ein strahlend blauer Himmel die Seele. Mit knapp über 3000 Teilnehmern war das Läuferfeld relativ überschaubar und ließ ausreichend Zeit, die kreativen Kostümvariationen zu bewundern. Zu meiner Überraschung liefen nicht nur die Teilnehmer am 5K-Lauf, sondern auch die Halbmarathoner fast alle verkleidet und hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, dem Ereignis einen passenden Rahmen zu verleihen. Vor dem Start herrschte das übliche Gewühle vor der Gepäckaufbewahrung und den Toiletten, aber die Stimmung war ausgesprochen locker. Auch die Zeit in der Startaufstellung verlief kurzweilig, denn das Läuferfeld sah eher aus wie eine Partygesellschaft, die beschlossen hatte, Halloween bereits frühmorgens am Seeufer zu feiern. Am meisten beeindruckte mich eine menschliche Duschkabine mit erstaunlichen Ausmaßen, die sich ziemlich weit vorne aufgestellt hatte. Sämtliche Comichelden bis auf Sponge Bob und die Simpsons waren in großer Anzahl vertreten, aber auch Tierarten und Gemüsesorten lagen dieses Jahr im Trend. Da kam ich mir mit meiner Spinne auf dem Kopf ziemlich underdressed vor. 

Auch nach dem Startschuss blieb die Stimmung entspannt. Gemächlich setzte sich das Läuferfeld in Bewegung. Offensichtlich stand bei diesem Lauf mehr der Fun und weniger der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund. An der Strecke standen viele Schaulustige, um sich das Spektakel anzusehen. Einige waren ebenfalls verkleidet und teilten Süssigkeiten aus. Ein Sensenmann auf Stelzen schwang sein Beil, um uns Beine zu machen und stieß dabei gruselige Drohungen aus. Auf einem Plakat war zu lesen: There is a monster running behind you und an einigen Stellen hatte sich eine Liveband aufgestellt, um uns musikalisch zu unterstützen. Dieses Mal hatte ich aber meinen MP3-Player dabei, um mich meinen Lieblingssong bei Laune zu halten. Erfahrungsgemäß habe ich irgendwann in der ersten Stunde ein moralisches Tief und hadere mit mir. Dann frage ich mich, wie um alles in der Welt ich nur so blöd sein konnte, mich für diese Veranstaltung anzumelden. Ich überlege, wie ich mich am geschicktesten aus der Affäre ziehen kann, ohne als Versager dazustehen. So hoffe ich auf einen unerwarteten Schwächeanfall oder eine Sportverletzung, bin dann aber doch froh, wenn beides nicht eintritt. Nach der Hälfte der Strecke geht es erfahrungsmäßig moralisch wieder steil nach oben. 

Als ob ich einen point of no return überschritten hätte, rede ich mir ein, dass ja die ganze bisherige Schinderei umsonst gewesen ist, wenn ich jetzt aufgebe. Von der Schmach der Niederlage ganz zu schweigen. Nun häuften sich auch die Ausfälle auf der Strecke und gaben mir weiteren Aufwind, denn ich merkte, dass ich nicht als einzige schwere Beine hatte, sondern viele Leidensgenossen mein Schicksal teilten. Spätestens ab der 10. Meile begann sich ein zaghaftes Hochgefühl auszubreiten. Die Zuschauer brüllten mir nun nicht mehr nur „keep it up“, sondern auch „you are almost there“ ins Ohr. Wie stand doch so passend auf einem Läufershirt „pain is weakness leaving the body“. Dies hörte sich zwar eher an wie ein Kriegsveteranenmotto, aber ich war in diesem Moment für jede Abwechslung dankbar und da ein Großteil meiner Körperenergie mit Laufen beschäftigt war, war ich ganz dankbar, wenn das geistige Niveau nicht sonderlich hoch war. So trabte ich in meinem Rhythmus weiter Richtung Ziel. Das Leben bekam langsam wieder einen Sinn. Ich überlegte schon, wie wohl die Medaille aussieht und welche Verpflegung gereicht wird. Damit kam ich gut bis zur letzten Meile. Erstaunlicherweise hatte ich kurz nach der 12. Meile noch einmal einen kleinen Durchhänger. Also dachte ich mir Belohnungen aus, die ich mir gönne, wenn ich jetzt nicht auf den letzten Metern schlapp machte. Ich versuchte mich zum Zieleinlauf zu beamen, aber es klappte nicht. Dann fügte ich mich in das Unvermeidliche und versuchte das Tempo noch einmal etwas anzuziehen. 

Endlich kam das Ziel in Sicht und ich überquerte mit einem glücklichen Lachen auf dem Gesicht die Ziellinie. Ich hatte es geschafft. Ich war ein echtes Monster, hoorah. Das Leben war wieder schön, die Finisher-Medaille das bisher coolste Stück in meiner Sammlung und eine Banane hatte noch nie so lecker geschmeckt wie in diesem Moment. Ich schaute mich um. Die Duschkabine schien noch auf der Strecke zu sein. Ich schaute mich noch etwas an den obligatorischen Sportständen um und genoss die Musik der Liveband, die sich passend zur Veranstaltung auf Headbanger-Musik verlagert hatte. An einem der Stände konnte man sich für den „Polardash“ im Januar anmelden. Der Stand verzeichnete einen regen Zulauf. Die Endorphinausschüttung schien bei einigen Teilnehmern nachhaltig zu funktionieren. Da der erste Kälteeinbruch bestimmt nicht mehr lange auf sich warten ließ, beschloss ich erst einmal in Ruhe zu überlegen, welche sportliche Herausforderung ich als nächstes angehen wollte.

Samstag, 8. Oktober 2011

Germany’s Best & Oktoberfest

Eine Woche später als das Original, aber dafür entsprechend länger fand dieses Jahr zum ersten Mal ein Oktoberfest am Navy Pier statt. Wenn man auf Feste dieser Art steht, kann man von Anfang September bis Ende Oktober jedes Wochenende irgendwo im Chicagoland „o‘zapft is“ – Stimmung genießen. Das größte und beliebteste Oktoberfest fand bisher immer am Lincoln Square statt, aber da es dem DANK-Haus, dem traditionellen Ausrichter , dieses Jahr angeblich nicht gelungen war,  die notwendige Finanzierung zu sichern, wurde das Fest kurzerhand von der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (GACCoM) organisiert. Diese wollte die Gelegenheit nutzen, den Besuchern ein Bild des modernen Deutschlands zu vermitteln, das weitaus mehr zu bieten hat als bayerische Gemütlichkeit. Daher waren auf dem Weg zum Festzelt den Pier entlang Holzhütten aufgebaut, in denen sich deutsche Firmen und Institutionen präsentierten. Die Hütten erinnerten verdächtig an den Christkindlmarket, der seit 14 Jahren sehr erfolgreich in Chicago stattfindet, aber sie waren solide gebaut und schienen wind- und wetterfest zu sein. Deren Anzahl war sehr überschaubar, aber vielleicht musste sich das Fest erst einmal etablieren, um weitere Firmen als Sponsoren zu gewinnen.

Im Festzelt konnten Firmen auf jeden Fall für Kunden und Mitarbeiter Stammtische buchen, um zünftig zu feiern und diese Möglichkeit wurde auch rege genutzt.
Das Hüttenleben war dagegen sehr beschaulich. Am Navy Pier waren zwar viele Besucher unterwegs, aber dies waren zum großen Teil Touristen, die sich mehr für die Attraktionen des Piers interessierten und meistens ganz erstaunt waren, als sie sich auf einmal unverhofft vor dem Oktoberfestzelt wiederfanden. Manchmal kam allerdings auch jemand vorbei, der sich tatsächlich für mehr als deutsche Gemütlichkeit interessierte und mit entsprechenden Informationen versorgt werden wollte.

Das Goethe-Institut, als offizieller Vertreter der deutschen Kultur, verfügte über entsprechende Flyer und Broschüren, bot aber auch Merchandise-Artikel und Give-aways in Form von Bleistiften und farbenfrohen Pins an. Vor allem die Pins waren ein wahrer Segen, denn sie waren mit einprägsamen deutschen Wörtern beschriftet. Im Hinblick auf den bevorstehenden Festzeltbesuch wurden  „Wurst“, „Prost“ und „lecker“ am meisten nachgefragt.  Gerne genommen wurden aber auch „Schatz“, „Tschüss“ und „Mutti“. Die Pins eigneten sich natürlich hervorragend für eine kleine Deutsch-Demo, denn viele hatten den Ehrgeiz, die neu gelernten Wörter auch richtig auszusprechen. Bei dieser Gelegenheit, bot es sich natürlich an, den Flyer mit den Sprachkursangeboten gleich mitzugeben.

Bei einer meiner Einsätze  wurde ich von Chris, einem Mitarbeiter des DANK-Hauses unterstützt. DANK steht für Deutsch-Amerikanischer Nationalkongress und ist der Deutsch-Amerikanische Club in Chicago mit immerhin über 500 Mitgliedern. Chris war eine echte Bereicherung, denn er entpuppte sich als Deutschlandexperte und erzählte Interessenten  begeistert von seinen Besuchen auf dem Münchner Oktoberfest und dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt. Ich hörte gespannt zu, als er über die Originalbrauereien Münchens referierte und beschloss nach meiner Rückkehr nach Deutschland, endlich einmal das größte Volksfest der Welt zu besuchen. Ab und zu kamen auch deutsche Besucher unterschiedlichster Couleur vorbei – Au-Pairs in Partylaune, Expatriate-Familien mit leichten bis mittelschweren Eingewöhnungsschwierigkeiten, heimwehkranke Austauschstudenten oder Geschäftsleute, die eigentlich nur zum Sightseeing an das Navy Pier gekommen waren, aber Lust auf einen kleinen Plausch hatten.

Nach einem meiner Einsätze beschloss ich endlich einmal einen Blick in das Festzelt zu werfen, aus dem ich bisher immer nur die Klänge der allseits beliebten Oompah-Musik vernommen hatte. Im Innern hatte man sich offensichtlich bemüht, etwas Münchner Okoberfest-Feeling zu zaubern, denn es hingen überdimensionierte Kronleuchter an der Decke und die Drehbühne wurde mit bunten Scheinwerfern angestrahlt. Die Bedienungen waren in rote und blaue Dirndls gekleidet und liefen quirlig zwischen den Bierbänken  umher. Als wir bestellen wollten, stellte sich heraus, dass die blauen Dirndls nur das Essen und die roten Dirndls nur die Getränke brachten. Hier hatte eben noch alles seine Ordnung! Nur beim Essen war man schon ziemlich amerikanisiert, denn dies wurde völlig stillos auf Plastikgeschirr bzw. in –bechern serviert. Dies tat aber der guten Stimmung keinen Abbruch und ein Hinweisschild, dass das Tanzen auf Tischen und Bänken verboten sei, ließ vermuten, dass es an manchen Abenden hoch herging.

Montag, 12. September 2011

Chicago Halbmarathon am 11. September

Auf den Tag genau eine Dekade nach den schrecklichen Terroranschlägen wollte ich meinen inneren Schweinehund überwinden und 13.1 Meilen auf dem Lakeshore Drive laufen. Am Renntag selbst klingelte bereits um 5.00 am der Wecker, denn Laufveranstaltungen werden in den USA auch am Wochenende nur für „early birds“ angeboten. Der Start war für 7.00 am im Jackson Park im Süden der Stadt angesetzt. 

Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Teilnehmer zur Startaufstellung, die mit Buchstaben gekennzeichnet war. Auf dem Weg dorthin kamen wir an dem Feuerwehreinsatzwagen Res4cue vorbei, vor dem sich die Teilnehmer fotografieren lassen konnten. Res4cue war am 11. September 2001 mit acht Mann Besatzung zum World Trade Center ausgerückt, aber kein Feuerwehrmann überlebte den Einsatz. Nun ist das Fahrzeug als mobiles Mahnmal unter dem Namen Remembrance Rescue Project im ganzen Land unterwegs, um die Erinnerung an die schrecklichen Anschläge wach zu halten. 

Aufgrund des 10. Jahrestags von 9/11 hatten die Veranstalter darum gebeten, Laufkleidung  in den amerikanischen Farben rot, weiß, blau zu tragen und viele Teilnehmer waren diesem Wunsch nachgekommen. Außerdem liefen noch mehr als sonst mit der amerikanischen Flagge in der Hand, aufgemalt, umgehängt oder als Kopfbedeckung.

Auf der Videoleinwand konnte ich sehen, wie sich die ersten Läuferscharen in Bewegung setzen. Wir rückten langsam zur Startlinie vor und konzentrierten uns. Endlich kam die Startlinie in Sicht, die wir freudig überquerten, denn jetzt durften wir endlich lostraben.

Trotz der hohen Läuferdichte kam es zu keinem Gerangel oder Gerempel, sondern man
bemühte sich um sportliche Fairness.  Bereits nach wenigen Kilometern lichtete sich das Teilnehmerfeld und da ein Großteil der Laufstrecke über den vierspurigen Lakeshore Drive führte, musste man sich um Platzmangel keine Gedanken machen, sondern konnte seinen Läuferambitionen im wahrsten Sinne des Wortes freien Lauf lassen. Alle paar Kilometer befand sich eine Versorgungsstation mit freiwilligen Helfern, die Energiedrinks und Wasser reichten immer gefolgt von einer Reihe himmelblauer Toilettenhäuschen für eine nicht vermeidbare „bio break“.

Die Sonne schien, aber da es ja am frühen Morgen war, war es noch nicht sonderlich heiß. Rechts und links hatten sich Zuschauer mit Plakaten postiert und feuerten uns an. Ab und zu kamen wir an einer Trommlergruppe oder einer Rockband vorbei, die uns mit temperamentvollen Einlagen vorantrieben. Mir fiel ein, dass ich wieder einmal meinen mp3-Player vergessen hatte bzw. davon ausgegangen war, dass diese bei einem Laufwettbewerb verboten sind. Dies war aber nicht der Fall, denn mehr als die Hälfte der Teilnehmer waren mit Audiodopinggeräten aller Art gestöpselt. 

Ab und zu stand auch ein seltsam kostümiertes verwirrtes Menschenkind an der Strecke und rief uns Durchhalteparolen zu. Dies machte die Veranstaltung trotz aller läuferischen Anstrengungen sehr kurzweilig. Außerdem wurden die Laufabschnitte in Meilen angezeigt und ich fand, dass sich 13.1 Meilen viel kürzer anhörten wie 21,1 km. 

Auf der letzten Meile nahm die Zuschauerdichte merklich zu. Da wurden bunte Poster und Fotoapparate geschwenkt,  um seinen persönlichen Helden gebührend zu huldigen. Da wurde gepfiffen, geklatscht und getrommelt. Überall waren Fahnen aufgestellt. Je näher ich dem Zieleinlauf kam, desto höher wurde der Lärmpegel. Endlich war die Ziellinie in Sicht. Ich war sehr erleichtert und versuchte mich an einem Schlussspurt, der mir aber nicht richtig gelingen wollte. Meine Beine waren jetzt doch müde und hatten offensichtlich keine Lust mehr auf körperliche Höchstleistungen – vor allem nicht so unverhofft. Ich sprang über die Linie, riss die Arme hoch und schielte nach oben zu dem Fotografen. Hoffentlich hatte er mich im Moment des Triumphs fotografiert! Na ja, ich würde es ja bald auf der Website überprüfen können.

Ich widmete mich erst einmal meinem persönlichen Wohlbefinden. Nach der Medaille bekam ich ein Erfrischungstuch, Riegel, Bananen und Wasser gereicht.  Genau all das, was ich in dieser Reihenfolge brauchte. Ich fühlte mich einfach nur großartig. Als ich abends die Ergebnisliste abfragte, stellte ich zufrieden fest, dass insgesamt 11878 Läufer mit mir auf der Strecke unterwegs und mehr Frauen als Männer vertreten waren.

Weitere Informationen unter Chicago Halfmarathon