Jedes Jahr am Memorial Day-Wochenende findet der 10 Mile Soldier Field Run statt. Der Start ist direkt neben dem Soldier Field Stadion und die Laufstrecke führt südlich am Lakeshore Trail entlang. Nach fünf Meilen gelangt man zu einem Wendepunkt und läuft die gleiche Strecke wieder zurück. Der Zieleinlauf ist direkt im Football-Stadion und genau bei den 50 yards überquert man die Ziellinie.
Wie fast alle Sportveranstaltungen fand auch dieser Lauf in den frühen Morgenstunden statt. Dies bedeutete Wecken um 5.00 Uhr, Abfahrt mit dem Fahrrad um 5.30 Uhr und Ankunft um 6.15 Uhr, um unsere Fahrräder und Rucksäcke zu deponieren. Unsere Läuferpakete hatte ich wohlweislich bereits einige Tage zuvor in einem der angegebenen Sportgeschäfte abgeholt. Danach machten wir uns zu den Corralls, den Startblöcken, auf. Falls man zu den Wiederholungstätern zählte und somit auf eine bereits gelaufene Zeit verweisen konnte, stellte man sich in dem entsprechenden Block auf. Das restliche Fußvolk musste im Open Corrall Aufstellung nehmen. Es herrschte zwar ein großer Andrang, da der Lauf mit 15 000 Teilnehmern zu den größten Veranstaltungen seiner Art in Chicago zählt, aber es herrschte trotz alledem eine entspannte und lockere Atmosphäre. Etwaige Anflüge von Nervosität waren höchstens an den langen Warteschlangen vor den Toiletten erkennbar. Bis 7.15 Uhr sollte man es bis zu seinem Startblock geschafft haben, denn dann folgte die offizielle Begrüßung durch die Veranstalter. Um 7.30 Uhr fiel endlich der Startschuss. In Anbetracht der großen Teilnehmerzahl, wurden die Läufer in Wellen auf die Strecke geschickt.
Im Teilnehmerfeld war das pralle Leben vertreten. Einige trugen das offizielle Laufshirt, aber die meisten waren in individuellen Laufklamotten unterwegs, die von absolut topmodisch bis hin zu völlig ausgeleiert und ziemlich abgetragen reichten. Es waren alle Altersschichten vertreten und die Bandbreite an unterschiedlichen Laufstilen war ebenso sehenswert. Nach einigen Meilen waren schon die ersten Ausfälle zu beklagen, denn offensichtlich hatten einige Teilnehmer ihre läuferischen Fähigkeiten gnadenlos überschätzt. Da sich viele nicht nach ihrem läuferischen Können aufgestellt oder es nicht mehr rechtzeitig in den richtigen Corrall geschafft hatten, hieß es für uns oft Haken schlagen oder Slalom laufen. Ein zusätzlicher Trainingseffekt, der mir völlig neu war. Glücklicherweise gab es an der Strecke regelmäßige Versorgungsstationen mit Energiedrinks und Wasser. Es standen auch einige Zuschauer an der Strecke, die schon ganz heiser vom Anfeuern waren und die vorbeifahrenden Autos auf dem Lakeshore Drive hupten und winkten uns aufmunternd zu.
Auf der Strecke waren teilweise ziemlich kuriose Läufergestalten unterwegs. Ein Teilnehmer trug ein Shirt mit Bibelversen auf dem Rücken und rezitierte unaufhörlich – vermutlich um sich selbst zu motivieren. Als ich an ihm vorbeirannte, dankte er gerade Gott, dass er an dem Lauf teilnehmen durfte. Ein weiterer Teilnehmer trug die Aufschrift „Let us run with endurance the race God has set before us“ auf dem Rücken und war trotz fortgeschrittenen Alters flott unterwegs. Einige liefen mit der USA-Flagge – ein Klassiker – oder als Werbeträger für diverse Fitnessprodukte. Am besten gefiel mir ein Läufer, der sich eine überdimensionale Energiedrinkflasche übergestülpt hatte und trotz des erheblichen Zusatzgewichts noch keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigte. Da es ständig etwas zu Entdecken gab, gestaltete sich der Lauf im Gegensatz zu den bisherigen Trainingseinheiten recht kurzweilig.
Ungefähr 1,5 Meilen vor dem Ziel war bereits das Soldier Field Station zu sehen. Es war ein erhebendes Gefühl darauf zuzutraben und beschwingte meinen Laufschritt beträchtlich. Dort angekommen, ging es zu Musik von den Blues Brothers durch seitliche Katakomben direkt auf das Spielfeld. Das frühe Aufstehen hatte sich wirklich gelohnt. Ich schwebte über die Ziellinie, riss erleichtert die Arme hoch und fühlte mich einfach nur großartig.
Wir genossen die Stadionatmosphäre noch einige Minuten und bewegten uns dann langsam Richtung Gear Check, um unsere Sachen wieder in Empfang zu nehmen. Auf dem Weg dorthin wurde uns eine Medaille umgehängt und ein kleines Versorgungspaket gereicht. Draußen konnte man sich auch noch eine Decke besorgen, um sich nach dem Lauf vor dem Auskühlen zu schützen. Ringsherum blickten wir in erschöpfte, aber strahlende Gesichter. Überall wurden Glückwünsche ausgesprochen und Erinnerungsfotos gemacht. Vielen war die Erleichterung anzumerken, dass sie es ins Ziel geschafft hatten. Wir ließen die Atmosphäre vor dem Stadion noch einige Minute auf uns wirken und waren einmal mehr von der professionellen Organisation beeindruckt. Noch vor der Abfahrt beschlossen wir uns diesen Lauf für das Jahr 2012 vorzumerken.