Freitag, 15. Juli 2011

Tierischer Trauerfall


Vor unserer Übersiedelung in die USA hatten wir den Kindern versprochen, dass sie sich dort ein Haustier zulegen durften. Ein langersehnter Wunsch der Beiden und sozusagen ein Ausgleich für die Verschleppung ins Ausland. Schon Wochen im Vorfeld überlegten sie welches Tier sie sich zulegen sollten und wir bereuten unseren Vorschlag bereits nach mehreren Tagen, aber nun war es zu spät. So fuhren wir einige Zeit nach unserer Ankunft in die Zoohandlung, um ein Kaninchen und einen Goldfisch zu kaufen. Zurück kehrten wir mit zwei Wüstenrennmäusen und zwei chinesischen Zwerghamstern samt umfangreichem Zubehör, in die sich die Kinder spontan verliebt hatten. 

Die erste Maus verschied leider schon nach wenigen Tagen und bescherte uns das erste amerikanische Familiendrama. Wir lernten, dass Mäuse Fluchttiere sind, die es vermeiden jede Form von Schwäche zu zeigen, um nicht von ihren eigenen Artgenossen gemeuchelt zu werden. Mit anderen Worten: Wenn sie wirklich offensichtlich krank sind und ihren schlechten Gesundheitszustand nicht mehr verbergen können, ist es in der Regel schon zu spät, um ihnen noch helfen zu können. Nun handelte es sich ja um eine sehr junge Maus, die ihr kurzes Leben ausgehaucht hatte, aber der Zooangestellte teilte uns emotionslos mit, dass sie wohl an einem genetischen Defekt gelitten haben musste. Wir waren erst einmal bedient. So hatten wir uns den Einstieg in die Haustierhaltung eigentlich nicht vorgestellt. Leider waren die restlichen männlichen Mäuse aus dem gleichen Wurf bereits verkauft, so dass die zweite Maus, Diego, nun in Bezug auf Artgenossen ein Einsiedlerleben führen musste, da sich Mäuse aus unterschiedlichen Würfen nicht vertragen. Meine Tochter war sehr besorgt, dass ihre Maus nun vereinsamen würde, aber dies war glücklicherweise nicht der Fall. Ganz im Gegenteil – Diego entwickelte sich zu einer überaus fidelen Maus, die jeden Besucher neugierig begrüßte und ansonsten damit beschäftigt war, alles anzunagen bzw. aufzumümmeln, was ihm in die Quere kam. Er spielte gerne und ließ sich problemlos auf den Arm nehmen, so dass wir viel Freude an ihm hatten. 

Über die Weihnachtsferien brachten wir ihn bei einer Freundin meiner Tochter unter, die zu Hause einen Kleinzoo unterhielt. Als wir ihn nach unserem Urlaub wieder in Empfang nahmen, staunten wir nicht schlecht, denn Diego war zwar munter wie eh und je, sah aber aus wie aufgepumpt. Offensichtlich hatte er während unserer Abwesenheit amerikanisches Kraftfutter genossen, das ihm sehr gut bekommen war. Dies tat seiner Umtriebigkeit keinen Abbruch, obwohl er sich durch seine Leibesfülle nun etwas langsamer bewegte als früher. 

Kurz vor den Sommerferien geschah auf einmal etwas Merkwürdiges. Diego saß in seinem Käfig und schien eine Art Dauerschluckauf zu haben. Er gluckste vor sich hin und sah dabei gar nicht glücklich aus. Am Anfang fraß er trotz seiner Schluckbeschwerden weiter, aber nach einigen Tagen war ihm offensichtlich der Appetit vergangen. Meine Tochter war außer sich vor Sorge. Da sich in der Nachbarschaft eine Tierklinik befand, erbarmte ich mich und brachte das arme Tier zur Untersuchung. 

Nach einer kurzen Wartezeit wurden wir in ein Behandlungszimmer gebeten. Diego sah sich gelassen um, hörte aber nicht auf zu glucksen. Die Ärztin untersuchte ihn gründlich und sah mich dann sorgenvoll an. Offensichtlich hatte ich den Ernst der Lage unterschätzt, denn sie diagnostizierte einen Herzfehler – wahrscheinlich auch genetisch bedingt – und empfahl eine sofortige stationäre Behandlung in Form von Infusionen und Sauerstoffzufuhr in einer Spezialklinik im Norden der Stadt. Sie wies mich aber darauf hin, dass auch bei sofortiger Einlieferung die Heilungschancen nur bei 50% stünden. Die Alternative sei, Diego „schlafen zu legen“. Dann verließ sie den Raum, um mir etwas Bedenkzeit zu geben und ich ahnte weshalb. Nach einigen Minuten kam sie mit ihrer Assistentin zurück und ich willigte sowohl unter ökonomischen als auch unter logistischen Gesichtspunkten in den letztgenannten Vorschlag ein. Nachdem ich diverse Papiere ausgefüllt hatte, durfte ich mich noch einmal ausgiebig von Diego verabschieden, wurde von der Ärztin und ihrer Assistentin noch kurz liebevoll getätschelt und dann langsam aber bestimmt aus dem Raum nach vorne geführt. 

Dort hatte mich der Alltag schnell wieder eingeholt, denn mir wurde die Rechnung für die Euthanasie-Maßnahme präsentiert. Nachdem ich den nicht geringen Betrag bezahlt hatte, nahm ich mein leeres Körbchen und verließ die Praxis, um meine Trauerarbeit fortzusetzen. Mir graute schon vor der Reaktion meiner Tochter, wenn sie nach Hause kam und den leeren Käfig vorfand. Meine Tochter reagierte eigentlich ganz vernünftig, so dass ich selbst überrascht war. 

Damit war das Thema Diego aber noch nicht abgeschlossen, denn einige Tage später bekam meine Tochter Post aus der Tierklinik. Als sie den Brief öffnete, traute sie ihren Augen kaum. Es war eine Beileidskarte für Diego. Auf der Vorderseite stand „For those we have lost, but remember in our hearts“. Daneben war ein Bild mit einigen Tieren zu sehen, die am Strand saßen und sehnsüchtig auf das Meer hinausblickten. Als sie die Karte öffnete war zu lesen: “We know how much your pet meant to you and how sad you feel in your loss. In missing your special friend, find comfort in knowing you gave your pet a good home and a wonderful life.” Und damit nicht genug. Handschriftlich hatte die Ärztin, die mich betreut hatte, noch einige persönliche Zeilen hinzugefügt, in der sie noch einmal ihrem Bedauern über Diego’s Ableben Ausdruck verlieh. Meine Tochter war gleichzeitig gerührt und fassungslos, denn diese Art von seelischer Nachbetreuung hatte sie nicht erwartet.

Wiederum einige Tage später erreichte uns eine Karte des College Of Veterinary Medicine mit dem Betreff „Companion Animal Memorial Fund“. Darin wurde uns mitgeteilt, dass das Tierkrankenhaus eine Geldspende zum Gedenken an unser geliebtes Haustier Diego erhalten hätte. Ferner teilte man uns mit, dass diese Geldspende der Tierforschung zugute käme und zukünftige Generationen von Haustieren von diesen Forschungsergebnissen profitieren würden. Es schien, als sei Diego nicht umsonst gestorben! Im ersten Moment war meine Tochter mit dem Inhalt der Karte etwas überfordert, da sie dachte, dass man die Leiche des armen Diego für Forschungszwecke verwenden würde. Nachdem wir sie aber beruhigen konnten und ihr versicherten, dass dies nicht der Fall war, waren wir gespannt, in welcher spirituellen Form Diego unser Leben noch weiter begleiten würde.

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