Montag, 12. September 2011

Chicago Halbmarathon am 11. September

Auf den Tag genau eine Dekade nach den schrecklichen Terroranschlägen wollte ich meinen inneren Schweinehund überwinden und 13.1 Meilen auf dem Lakeshore Drive laufen. Am Renntag selbst klingelte bereits um 5.00 am der Wecker, denn Laufveranstaltungen werden in den USA auch am Wochenende nur für „early birds“ angeboten. Der Start war für 7.00 am im Jackson Park im Süden der Stadt angesetzt. 

Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Teilnehmer zur Startaufstellung, die mit Buchstaben gekennzeichnet war. Auf dem Weg dorthin kamen wir an dem Feuerwehreinsatzwagen Res4cue vorbei, vor dem sich die Teilnehmer fotografieren lassen konnten. Res4cue war am 11. September 2001 mit acht Mann Besatzung zum World Trade Center ausgerückt, aber kein Feuerwehrmann überlebte den Einsatz. Nun ist das Fahrzeug als mobiles Mahnmal unter dem Namen Remembrance Rescue Project im ganzen Land unterwegs, um die Erinnerung an die schrecklichen Anschläge wach zu halten. 

Aufgrund des 10. Jahrestags von 9/11 hatten die Veranstalter darum gebeten, Laufkleidung  in den amerikanischen Farben rot, weiß, blau zu tragen und viele Teilnehmer waren diesem Wunsch nachgekommen. Außerdem liefen noch mehr als sonst mit der amerikanischen Flagge in der Hand, aufgemalt, umgehängt oder als Kopfbedeckung.

Auf der Videoleinwand konnte ich sehen, wie sich die ersten Läuferscharen in Bewegung setzen. Wir rückten langsam zur Startlinie vor und konzentrierten uns. Endlich kam die Startlinie in Sicht, die wir freudig überquerten, denn jetzt durften wir endlich lostraben.

Trotz der hohen Läuferdichte kam es zu keinem Gerangel oder Gerempel, sondern man
bemühte sich um sportliche Fairness.  Bereits nach wenigen Kilometern lichtete sich das Teilnehmerfeld und da ein Großteil der Laufstrecke über den vierspurigen Lakeshore Drive führte, musste man sich um Platzmangel keine Gedanken machen, sondern konnte seinen Läuferambitionen im wahrsten Sinne des Wortes freien Lauf lassen. Alle paar Kilometer befand sich eine Versorgungsstation mit freiwilligen Helfern, die Energiedrinks und Wasser reichten immer gefolgt von einer Reihe himmelblauer Toilettenhäuschen für eine nicht vermeidbare „bio break“.

Die Sonne schien, aber da es ja am frühen Morgen war, war es noch nicht sonderlich heiß. Rechts und links hatten sich Zuschauer mit Plakaten postiert und feuerten uns an. Ab und zu kamen wir an einer Trommlergruppe oder einer Rockband vorbei, die uns mit temperamentvollen Einlagen vorantrieben. Mir fiel ein, dass ich wieder einmal meinen mp3-Player vergessen hatte bzw. davon ausgegangen war, dass diese bei einem Laufwettbewerb verboten sind. Dies war aber nicht der Fall, denn mehr als die Hälfte der Teilnehmer waren mit Audiodopinggeräten aller Art gestöpselt. 

Ab und zu stand auch ein seltsam kostümiertes verwirrtes Menschenkind an der Strecke und rief uns Durchhalteparolen zu. Dies machte die Veranstaltung trotz aller läuferischen Anstrengungen sehr kurzweilig. Außerdem wurden die Laufabschnitte in Meilen angezeigt und ich fand, dass sich 13.1 Meilen viel kürzer anhörten wie 21,1 km. 

Auf der letzten Meile nahm die Zuschauerdichte merklich zu. Da wurden bunte Poster und Fotoapparate geschwenkt,  um seinen persönlichen Helden gebührend zu huldigen. Da wurde gepfiffen, geklatscht und getrommelt. Überall waren Fahnen aufgestellt. Je näher ich dem Zieleinlauf kam, desto höher wurde der Lärmpegel. Endlich war die Ziellinie in Sicht. Ich war sehr erleichtert und versuchte mich an einem Schlussspurt, der mir aber nicht richtig gelingen wollte. Meine Beine waren jetzt doch müde und hatten offensichtlich keine Lust mehr auf körperliche Höchstleistungen – vor allem nicht so unverhofft. Ich sprang über die Linie, riss die Arme hoch und schielte nach oben zu dem Fotografen. Hoffentlich hatte er mich im Moment des Triumphs fotografiert! Na ja, ich würde es ja bald auf der Website überprüfen können.

Ich widmete mich erst einmal meinem persönlichen Wohlbefinden. Nach der Medaille bekam ich ein Erfrischungstuch, Riegel, Bananen und Wasser gereicht.  Genau all das, was ich in dieser Reihenfolge brauchte. Ich fühlte mich einfach nur großartig. Als ich abends die Ergebnisliste abfragte, stellte ich zufrieden fest, dass insgesamt 11878 Läufer mit mir auf der Strecke unterwegs und mehr Frauen als Männer vertreten waren.

Weitere Informationen unter Chicago Halfmarathon

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