Montag, 31. Oktober 2011

Monsterdash

Am Halloweenwochenende ging es wieder in der ganzen Stadt hoch her. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sah man kostümierte Figuren auf dem Weg  zu einer Party oder einer Parade durch die Straßen ziehen. Dieses Jahr entschied ich mich für die sportliche Variante und meldete mich für den Monsterdash Halbmarathon an, der für samstags 9.00 Uhr im Grant Park angesetzt war. Eine monsterfreundliche Startzeit, denn die sonstigen Läufe starten in der Regel bereits um 7.00 Uhr. 

Der Wettergott meinte es gut, denn trotz frischer Temperaturen wärmten die Sonnenstrahlen den Körper und ein strahlend blauer Himmel die Seele. Mit knapp über 3000 Teilnehmern war das Läuferfeld relativ überschaubar und ließ ausreichend Zeit, die kreativen Kostümvariationen zu bewundern. Zu meiner Überraschung liefen nicht nur die Teilnehmer am 5K-Lauf, sondern auch die Halbmarathoner fast alle verkleidet und hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, dem Ereignis einen passenden Rahmen zu verleihen. Vor dem Start herrschte das übliche Gewühle vor der Gepäckaufbewahrung und den Toiletten, aber die Stimmung war ausgesprochen locker. Auch die Zeit in der Startaufstellung verlief kurzweilig, denn das Läuferfeld sah eher aus wie eine Partygesellschaft, die beschlossen hatte, Halloween bereits frühmorgens am Seeufer zu feiern. Am meisten beeindruckte mich eine menschliche Duschkabine mit erstaunlichen Ausmaßen, die sich ziemlich weit vorne aufgestellt hatte. Sämtliche Comichelden bis auf Sponge Bob und die Simpsons waren in großer Anzahl vertreten, aber auch Tierarten und Gemüsesorten lagen dieses Jahr im Trend. Da kam ich mir mit meiner Spinne auf dem Kopf ziemlich underdressed vor. 

Auch nach dem Startschuss blieb die Stimmung entspannt. Gemächlich setzte sich das Läuferfeld in Bewegung. Offensichtlich stand bei diesem Lauf mehr der Fun und weniger der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund. An der Strecke standen viele Schaulustige, um sich das Spektakel anzusehen. Einige waren ebenfalls verkleidet und teilten Süssigkeiten aus. Ein Sensenmann auf Stelzen schwang sein Beil, um uns Beine zu machen und stieß dabei gruselige Drohungen aus. Auf einem Plakat war zu lesen: There is a monster running behind you und an einigen Stellen hatte sich eine Liveband aufgestellt, um uns musikalisch zu unterstützen. Dieses Mal hatte ich aber meinen MP3-Player dabei, um mich meinen Lieblingssong bei Laune zu halten. Erfahrungsgemäß habe ich irgendwann in der ersten Stunde ein moralisches Tief und hadere mit mir. Dann frage ich mich, wie um alles in der Welt ich nur so blöd sein konnte, mich für diese Veranstaltung anzumelden. Ich überlege, wie ich mich am geschicktesten aus der Affäre ziehen kann, ohne als Versager dazustehen. So hoffe ich auf einen unerwarteten Schwächeanfall oder eine Sportverletzung, bin dann aber doch froh, wenn beides nicht eintritt. Nach der Hälfte der Strecke geht es erfahrungsmäßig moralisch wieder steil nach oben. 

Als ob ich einen point of no return überschritten hätte, rede ich mir ein, dass ja die ganze bisherige Schinderei umsonst gewesen ist, wenn ich jetzt aufgebe. Von der Schmach der Niederlage ganz zu schweigen. Nun häuften sich auch die Ausfälle auf der Strecke und gaben mir weiteren Aufwind, denn ich merkte, dass ich nicht als einzige schwere Beine hatte, sondern viele Leidensgenossen mein Schicksal teilten. Spätestens ab der 10. Meile begann sich ein zaghaftes Hochgefühl auszubreiten. Die Zuschauer brüllten mir nun nicht mehr nur „keep it up“, sondern auch „you are almost there“ ins Ohr. Wie stand doch so passend auf einem Läufershirt „pain is weakness leaving the body“. Dies hörte sich zwar eher an wie ein Kriegsveteranenmotto, aber ich war in diesem Moment für jede Abwechslung dankbar und da ein Großteil meiner Körperenergie mit Laufen beschäftigt war, war ich ganz dankbar, wenn das geistige Niveau nicht sonderlich hoch war. So trabte ich in meinem Rhythmus weiter Richtung Ziel. Das Leben bekam langsam wieder einen Sinn. Ich überlegte schon, wie wohl die Medaille aussieht und welche Verpflegung gereicht wird. Damit kam ich gut bis zur letzten Meile. Erstaunlicherweise hatte ich kurz nach der 12. Meile noch einmal einen kleinen Durchhänger. Also dachte ich mir Belohnungen aus, die ich mir gönne, wenn ich jetzt nicht auf den letzten Metern schlapp machte. Ich versuchte mich zum Zieleinlauf zu beamen, aber es klappte nicht. Dann fügte ich mich in das Unvermeidliche und versuchte das Tempo noch einmal etwas anzuziehen. 

Endlich kam das Ziel in Sicht und ich überquerte mit einem glücklichen Lachen auf dem Gesicht die Ziellinie. Ich hatte es geschafft. Ich war ein echtes Monster, hoorah. Das Leben war wieder schön, die Finisher-Medaille das bisher coolste Stück in meiner Sammlung und eine Banane hatte noch nie so lecker geschmeckt wie in diesem Moment. Ich schaute mich um. Die Duschkabine schien noch auf der Strecke zu sein. Ich schaute mich noch etwas an den obligatorischen Sportständen um und genoss die Musik der Liveband, die sich passend zur Veranstaltung auf Headbanger-Musik verlagert hatte. An einem der Stände konnte man sich für den „Polardash“ im Januar anmelden. Der Stand verzeichnete einen regen Zulauf. Die Endorphinausschüttung schien bei einigen Teilnehmern nachhaltig zu funktionieren. Da der erste Kälteeinbruch bestimmt nicht mehr lange auf sich warten ließ, beschloss ich erst einmal in Ruhe zu überlegen, welche sportliche Herausforderung ich als nächstes angehen wollte.

Samstag, 8. Oktober 2011

Germany’s Best & Oktoberfest

Eine Woche später als das Original, aber dafür entsprechend länger fand dieses Jahr zum ersten Mal ein Oktoberfest am Navy Pier statt. Wenn man auf Feste dieser Art steht, kann man von Anfang September bis Ende Oktober jedes Wochenende irgendwo im Chicagoland „o‘zapft is“ – Stimmung genießen. Das größte und beliebteste Oktoberfest fand bisher immer am Lincoln Square statt, aber da es dem DANK-Haus, dem traditionellen Ausrichter , dieses Jahr angeblich nicht gelungen war,  die notwendige Finanzierung zu sichern, wurde das Fest kurzerhand von der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer (GACCoM) organisiert. Diese wollte die Gelegenheit nutzen, den Besuchern ein Bild des modernen Deutschlands zu vermitteln, das weitaus mehr zu bieten hat als bayerische Gemütlichkeit. Daher waren auf dem Weg zum Festzelt den Pier entlang Holzhütten aufgebaut, in denen sich deutsche Firmen und Institutionen präsentierten. Die Hütten erinnerten verdächtig an den Christkindlmarket, der seit 14 Jahren sehr erfolgreich in Chicago stattfindet, aber sie waren solide gebaut und schienen wind- und wetterfest zu sein. Deren Anzahl war sehr überschaubar, aber vielleicht musste sich das Fest erst einmal etablieren, um weitere Firmen als Sponsoren zu gewinnen.

Im Festzelt konnten Firmen auf jeden Fall für Kunden und Mitarbeiter Stammtische buchen, um zünftig zu feiern und diese Möglichkeit wurde auch rege genutzt.
Das Hüttenleben war dagegen sehr beschaulich. Am Navy Pier waren zwar viele Besucher unterwegs, aber dies waren zum großen Teil Touristen, die sich mehr für die Attraktionen des Piers interessierten und meistens ganz erstaunt waren, als sie sich auf einmal unverhofft vor dem Oktoberfestzelt wiederfanden. Manchmal kam allerdings auch jemand vorbei, der sich tatsächlich für mehr als deutsche Gemütlichkeit interessierte und mit entsprechenden Informationen versorgt werden wollte.

Das Goethe-Institut, als offizieller Vertreter der deutschen Kultur, verfügte über entsprechende Flyer und Broschüren, bot aber auch Merchandise-Artikel und Give-aways in Form von Bleistiften und farbenfrohen Pins an. Vor allem die Pins waren ein wahrer Segen, denn sie waren mit einprägsamen deutschen Wörtern beschriftet. Im Hinblick auf den bevorstehenden Festzeltbesuch wurden  „Wurst“, „Prost“ und „lecker“ am meisten nachgefragt.  Gerne genommen wurden aber auch „Schatz“, „Tschüss“ und „Mutti“. Die Pins eigneten sich natürlich hervorragend für eine kleine Deutsch-Demo, denn viele hatten den Ehrgeiz, die neu gelernten Wörter auch richtig auszusprechen. Bei dieser Gelegenheit, bot es sich natürlich an, den Flyer mit den Sprachkursangeboten gleich mitzugeben.

Bei einer meiner Einsätze  wurde ich von Chris, einem Mitarbeiter des DANK-Hauses unterstützt. DANK steht für Deutsch-Amerikanischer Nationalkongress und ist der Deutsch-Amerikanische Club in Chicago mit immerhin über 500 Mitgliedern. Chris war eine echte Bereicherung, denn er entpuppte sich als Deutschlandexperte und erzählte Interessenten  begeistert von seinen Besuchen auf dem Münchner Oktoberfest und dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt. Ich hörte gespannt zu, als er über die Originalbrauereien Münchens referierte und beschloss nach meiner Rückkehr nach Deutschland, endlich einmal das größte Volksfest der Welt zu besuchen. Ab und zu kamen auch deutsche Besucher unterschiedlichster Couleur vorbei – Au-Pairs in Partylaune, Expatriate-Familien mit leichten bis mittelschweren Eingewöhnungsschwierigkeiten, heimwehkranke Austauschstudenten oder Geschäftsleute, die eigentlich nur zum Sightseeing an das Navy Pier gekommen waren, aber Lust auf einen kleinen Plausch hatten.

Nach einem meiner Einsätze beschloss ich endlich einmal einen Blick in das Festzelt zu werfen, aus dem ich bisher immer nur die Klänge der allseits beliebten Oompah-Musik vernommen hatte. Im Innern hatte man sich offensichtlich bemüht, etwas Münchner Okoberfest-Feeling zu zaubern, denn es hingen überdimensionierte Kronleuchter an der Decke und die Drehbühne wurde mit bunten Scheinwerfern angestrahlt. Die Bedienungen waren in rote und blaue Dirndls gekleidet und liefen quirlig zwischen den Bierbänken  umher. Als wir bestellen wollten, stellte sich heraus, dass die blauen Dirndls nur das Essen und die roten Dirndls nur die Getränke brachten. Hier hatte eben noch alles seine Ordnung! Nur beim Essen war man schon ziemlich amerikanisiert, denn dies wurde völlig stillos auf Plastikgeschirr bzw. in –bechern serviert. Dies tat aber der guten Stimmung keinen Abbruch und ein Hinweisschild, dass das Tanzen auf Tischen und Bänken verboten sei, ließ vermuten, dass es an manchen Abenden hoch herging.