Eine glückliche Fügung des Schicksals führte mich eines Abends am Music Box Theatre auf der Southport Avenue vorbei. Nachdem ich den Plakaten entnommen hatte, dass es sich weniger um ein Musik- als vielmehr um ein Lichtspieltheater handelte, das unabhängige und europäische Filme jenseits des amerikanischen Mainstreams zeigte, stand mein Entschluss schnell fest, der Einrichtung bald einen Besuch abzustatten.
Einige Tage später war es soweit. Ein französischer Film mit englischen Untertiteln war angekündigt und sollte meine persönliche Zuschauer-Premiere werden. Die Warteschlange vor der Kasse war sehr überschaubar und die Auswahl am Imbissstand ebenso, da man sich vorrangig auf den Knusperklassiker Popcorn in verschiedenen Variationen beschränkte. Auch das Interieur erinnerte mehr an ein mediterranes Theater als an ein Kino. In einer der Vitrinen, die Kinomemorabilia aus glanzvolleren Tagen zeigte, war zu lesen, dass das Kino bereits seit 1929 besteht, d.h. bereits zur Stummfilmzeit. Offensichtlich entsprach es dem Stil der damaligen Zeit ein Kino wie ein Theater zu gestalten und ein Kinobesuch hatte einen ganz anderen Stellenwert als heute. Es war vermutlich in der damaligen Zeit genauso aufregend sich einen Film anzusehen wie ein Theaterstück. Dem Zustand der Inneneinrichtung zu urteilen, hatten sich seitdem die Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten vermutlich aus finanziellen Gründen in engen Grenzen gehalten.
Ein Überbleibsel aus der Stummfilmzeit erwartete uns im Kinosaal, denn dort wurden wir tatsächlich mit Live-Orgelmusik empfangen. Ich machte mich darauf gefasst, dass gleich die kleinen Strolche um die Ecke biegen würden, um sich vor Buster Keaton zu verstecken. Nachdem wir uns auf den betagten Sitzen niedergelassen hatten, machten wir weitere interessante Entdeckungen. Das Kino war wie ein südländischer Innenhof mit einer Fassade aus weißen Marmorelementen gestaltet und sogar mit einigen Balkonen versehen. Die Decke war als nächtlicher Sternenhimmel mit blinkenden Himmelskörpern und vorüberziehenden Wolken angelegt. Der Architekt wollte offenbar die Atmosphäre eines Open-Air-Kinos erzeugen. Komplettiert wurde diese wunderbare Illusion durch einen schweren, roten Samtvorhang, der hervorragend zum Bühnenbild passte. Der Organist klimperte fröhlich vor sich hin und versetzte uns bereits vor dem Filmstart in den siebten Kinohimmel. Welch ein seltsamer und wunderbarer Ort zugleich!
Nach dem Film erfuhr ich, dass dieses ehrwürdige Haus sogar von einem Geist namens „Whitey“ bewohnt wird. Whitey war der erste Kinobesitzer und lebte mehr oder weniger in seinem Theater. Auch nach seinem Tod hat er ein wachsames Auge auf sein Lebenswerk und spukt vorrangig im vierten Gang in der Nähe des Hintereingangs. Nun kann man ja nicht erwarten, dass sich ein Geist gleich beim ersten Besuch präsentiert. Wahrscheinlich betrachtet er sich die Besucher erst einmal in Ruhe, bevor er in Erscheinung tritt oder er war unpässlich. Ein weiterer Grund bald wieder zu kommen.
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