Sonntag, 18. Dezember 2011

A holiday season in full swing!


Bereits Wochen vor Thanksgiving – immerhin dem wichtigsten Familienfest in den USA – sieht man sie vereinzelt in Geschäften, aber auch schon in Privatwohnungen stehen: Überaus großzügig geschmückte Weihnachtsbäume in voller Pracht. Teilweise sind die Bäume so behängt, dass sich die Nadelbaumart nur noch erahnen lässt und man sich wundert, dass das gute Stück nicht unter der Menge an Dekomaterial  zusammenbricht. Vermutlich gibt es eine spezielle Züchtung besonders robuster nordamerikanischer Tannen, die bereits von klein auf durch besondere Dünge- und Schnittmethoden auf ihre wichtige Aufgabe im Kreis amerikanischer Familien vorbereitet werden. 

Ende November gibt es dann kein Halten mehr und das Weihnachtsfieber greift überall um sich. Da werden wieder die Straßenlaternen mit grünen Zweigen und roten Bändern eingewickelt und mit überdimensionalen Candy Sticks versehen, zu den Weihnachtbäumen gesellen sich Kränze in verschiedenen Ausführungen. Ganze Häuserfassaden werden mit Lichterketten versehen, Treppengeländer mit ebensolchen eingewickelt und in den Vorgärten Schnee- und Weihnachtsmänner und Schlitten oder gar ganze Krippen aufgestellt. Am Wochenende finden Lichtershows und Holiday Parades statt und die Christkindlmarkets erfreuen sich größter Beliebtheit. 

Wir lassen uns an einem Sonntagnachmittag dazu hinreißen den größten dieser Märkte in der Chicagoer Innenstadt zu besuchen, flüchten aber bereits nach einer halben Stunde wieder, denn wahre Menschenmassen schieben sich auf der Suche nach originellen Weihnachtsgeschenken durch die Gänge zwischen den Holzbuden. Ganz dramatisch ist die Situation vor den Essensständen, obwohl sich diese auf bestimmte Gerichte oder Getränke spezialisiert haben. Nachdem wir fast eine halbe Stunde in der Bratwurst Line anstehen, ist unsere Geduld erschöpft, so dass wir dieses Jahr auf Glühwein und Kinderpunsch verzichten und das Weite suchen.

An den Wochenenden finden auch in vielen Kneipen Weihnachtsparties statt. Vor den Eingängen tummeln sich frierende Elfen und Christmas Girlies in kurzen Röckchen und dünnen Strumpfhosen. Die Weihnachtshysterie macht selbst vor dem Straßenverkehr nicht halt. Die sonst so drögen CTA-Busse wechseln ihr Display abwechselnd in eine ziemlich pixelige Rentierformation und in die Anzeige „Happy Holidays“. Vorzugsweise SUVs gehobenerer Ausführung haben einen Kranz am Kühlergrill befestigt und ganz Forsche wickeln ihre Dachreling mit Tannengrün ein oder verzieren diese mit Weihnachtsschmuck. Die Sache scheint klar. Von allen Festen scheint Weihnachten die Amerikaner immer noch am meisten in Verzückung zu versetzen und es ist so gut wie unmöglich, sich der überbordenden Weihnachtsstimmung mit dem einhergehenden Christmas Shopping-Angeboten zu entziehen. Eine Sache fehlt jedoch noch zum diesjährigen Winter Wonderland Feeling: Schnee! Zwar tummeln sich die Temperaturwerte bereits um den Gefrierpunkt, aber der Himmel zeigt sich unverdrossen wolkenlos. Sollte sich diese Situation bis zur Ankunft von Santa Claus nicht ändern, bin ich mir sicher, dass den innovationsfreudigen Amerikanern auch hierzu eine wunderbare Lösung einfallen wird.

Freitag, 2. Dezember 2011

Happy Turkey Day


Alle Jahre wieder schlägt am letzten Donnerstag im November für Millionen von Truthähnen das letzte Stündlein. Die bedauernswerten Tiere enden als feister Braten mit oder ohne Füllung mit diversen Beilagen wie z.B. Kürbisschnitze oder Kartoffelpüree und krönen das wichtigste amerikanische Familienfest.

Die Vorzeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses sind unübersehbar. Bereits Tage vorher nimmt der Verkehr noch chaotischere Zustände an als sonst und auch die Schlangen in den Supermärkten werden immer länger. Sich am Vortag von Thanksgiving in den Supermarkt zu begeben, grenzt an Selbstmord, es sei dann man hat seine Einkäufe vorbestellt. Da die Parkplätze und Parkhäuser hoffnungslos überfüllt sind, parken kreuz und quer Fahrzeuge mit laufendem Motor und Warnblinkanlage, denn deren Halter haben die Geduld, die Nerven oder beides verloren und sich todesmutig ins Getümmel zwischen den Supermarktregalen gestürzt oder versuchen, ein verloren gegangenes Familienmitglied zu finden. Wohl dem, der kein Familienfest vorbereiten muss, denn der Einkauf ist ja erst der Anfang. Danach ist ein stundenlanger Einsatz in der Küche gefragt, bis der Vogel endlich servierfertig ist. Die Situation ist auf jedem Fall vergleichbar mit dem hektischen Treiben am Vortag von Heiligabend in Europa. 

Natürlich gibt es in den servicefreundlichen USA mittlerweile auch den „Convenience turkey“, d.h. man kauft den Vogel bereits vorgekocht und gefüllt und schiebt ihn zu Hause nur noch einmal kurz in den Backofen. Für ganz Bequeme bietet sich die Variante „Turkey-to-go“ an. Einige Restaurants bieten ein Buffet an, an dem man sich sein Truthahnessen zusammenstellen und servierfertig mit nach Hause nehmen kann. Bei dieser breiten Skala an Möglichkeiten muss daher kein Familiengelage mehr aus Zeit- oder Geldmangel ausfallen.

Wer nicht in der Küche steht, sich auf dem Weg zu seinen Lieben befindet oder einfach keine Lust auf Thanksgiving hat, kann sich ungehemmt dem „Black Wednesday“, wie der Tag vor dem Fest auch genannt wird, hingeben. Viele Bars werben mit „Blackout-Partys“. Hier kann man sich auf die bevorstehende Familienfeier einstimmen, die Hektik der letzten Tage abstreifen oder sich einfach so alle Lichter ausschießen. Zu den beliebtesten Partys gehören das Turkey Testicle Festival, der Black Wednesday Trolley Crawl und der Turkey Trolley Trot. Auf der jährlichen Partyskala steht der Black Wednesday auf jeden Fall an vierter Stelle nach Halloween, Silvester und St. Patrick’s Day. 

An Thanksgiving selbst sind dann tatsächlich die meisten Läden geschlossen und die Straßen wirken wie ausgestorben. Es herrscht eine fast unwirkliche Atmosphäre. Dieses Land, dessen Bewohner eigentlich immer „busy“ sind, hält inne und zelebriert die Familie. Dies scheint aber nur einen Tag lang gut zu gehen, denn obwohl natürlich viele den Feiertag zum Anlass für ein verlängertes Wochenende nehmen, wurde der Tag nach Thanksgiving zum „Black Friday“ erklärt. An diesem Tag öffnen viele Geschäfte bereits um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden und locken die Kundschaft mit Sonderangeboten. Dieses Jahr haben wir ein Outlet entdeckt, dass sogar schon am Thanksgivingabend um 22.00 Uhr zum „Moonlight Madness Sale“ einlud. So fallen viele nahtlos vom Essens- ins Shoppingkoma, denn was ist naheliegender als mit gut gefülltem Bauch der Familienidylle zu entfliehen, um sich seinen Weihnachtseinkäufen zu widmen?