Sonntag, 2. September 2012

Chicago Triathlon


Nach ersten positiven Triathlonerfahrungen in Wisconsin stand als krönender Abschluss und sportlicher Höhepunkt des Jahres die Teilnahme beim 30. Chicago Triathlon an – dem mit über 8000 Teilnehmern größten Triathlon weltweit. 

Am Tag vor dem Start fuhren wir in die Stadt, um unser Startpaket in einem der größten Hotels Chicagos abzuholen. Der Weg dorthin gestaltete sich als Trainingseinheit der besonderen Art, denn in den Katakomben des Hotels wuselten aufgeregte Scharen von Teilnehmern umher, die das gleiche Anliegen hatten wie wir. Nachdem uns die Abholung geglückt war, wir unseren Chip geprüft hatten und wir mit unserer Wettkampfnummer auf beiden Oberarmen und der Nummer unserer „Welle“ auf der Wade versehen waren, ging es weiter über die Fitnessmesse bis zu einem Forum, auf dem im Stundentakt Wettkampfbesprechungen abgehalten wurden. Auch hier war alles hoffnungslos überfüllt und alle lauschten gespannt den Ausführungen des Veranstalters, der routiniert die Streckenführung vorstellte und dabei einige Überlebenstipps zum Besten gab. Um einige sportliche Tipps, Fitnessriegel und Sportartikel reicher, begaben wir uns in Anbetracht der gerade vorgefundenen Teilnehmermassen etwas ernüchtert zum Yachthafen, um die Schwimmstrecke in Augenschein zu nehmen.

Eine fatale Idee, denn ein Blick ins Hafenbecken ließ meine getrübte Laune endgültig ins Bodenlose sinken. Zwar herrschte lediglich ein gemütlicher Wellengang, aber im Wasser war dreckig und vor der Hafenmauer trieb über eine Fläche von mehreren Metern ein Algenteppich. Zudem war die Schwimmstrecke nicht sonderlich breit, denn auf der Seeseite dümpelten die Yachtboote träge im Wind. Da ich bereits im Hotel fast klaustrophobische Zustände bekommen hatte, fragte ich mich nun, wie ich diese Schwimmstrecke überleben sollte. Ein Blick auf den Wetterbericht gab mir endgültig den Rest: Für den nächsten Tag waren starke Gewitter vorhergesagt!

Mit diesen in jeder Hinsicht trüben Aussichten standen wir kurz nach drei Uhr morgens auf, um uns bereits vor Sonnenaufgang auf den Weg in die Wechselzone zu machen. Dort mussten wir nämlich unsere Wettkampfutensilien bis kurz vor sechs Uhr deponieren. Dann schlossen sich deren Tore, denn sechs Uhr war offizielle Startzeit. Trotz der vielen Menschen herrschte eine fast gespenstische Ruhe. Wir liefen zum Hafenbecken und sahen die ersten Teilnehmerwellen ins Wasser stürzen. Auch dies war eine relativ ruhige Angelegenheit, obwohl sich zwei Moderatoren redlich bemühten, die Teilnehmer mit ihren Kommentaren in Wettkampfstimmung zu bringen. Da wir noch ausreichend Zeit bis zu unserem eigenen Start hatten, machten wir es uns auf der Rasenfläche hinter dem Hafenbecken gemütlich und beobachteten gespannt den Ablauf der Schwimmstarts, der im Vierminutentakt erfolgte. Die Wartenden vertrieben sich die Zeit mit Lesen, Plauschen, Dösen, Meditieren oder mit Dehnübungen. Die Meisten machten einen entspannten und konzentrierten Eindruck und schienen ihrem Start optimistisch entgegenzusehen.

Einem Tipp vom Vortag folgend stellten wir uns bereits eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Start auf dem Vorplatz auf, der zur Schwimmtreppe hinführte. Als Orientierung dienten Helferinnen, die Schilder mit den Wellennummern nach oben hielten. Außerdem konnte man sich an der Farbe der Schwimmkappen orientieren. Ich rückte mit einer weißbekappten Welle von ca. 100 Teilnehmern nach vorne und wurde jetzt doch ziemlich nervös. Hektisch kontrollierte ich den Reißverschluss meines Neoprenanzugs mehrmals, bis mir eine Teilnehmerin hinter mir glaubhaft versicherte, es sei alles in bester Ordnung. An der Schwimmtreppe angekommen, sprangen wir nach der Aufforderung „let’s go swimming“ ins Wasser und paddelten noch eine Minute vor uns hin, bis endlich der erlösende Startschuss fiel.

Von allen drei Disziplinen stellt das Schwimmen für die meisten Triathleten die größte Herausforderung dar. Diese bezieht sich aber nicht nur auf die Sportart selbst, sondern auch auf die Begleitumstände. Ohne Frage hilft es ein guter Schwimmer zu sein, aber es ist mindestens genauso wichtig, kein ängstlicher Schwimmer zu sein. Die ersten 100 – 200 Meter geht es nämlich eher darum  im Pulk der Schwimmer nicht unterzugehen und Panikattacken zu vermeiden. Vor allem die männlichen Teilnehmer schwimmen gnadenlos über alles hinweg, was ihnen in die Quere kommt und die Enge des Hafenbeckens trug in diesem Fall nicht gerade zu einer Entspannung der Lage bei. Erschwerend hinzu kommen die fehlende Orientierungsmöglichkeit im offenen Gewässer im Vergleich zu den abgeteilten Bahnen im Schwimmbad, der unruhige Wellengang und der stechende Dieselgeruch der Motorboote, die die Schwimmstrecke unaufhörlich abfahren, um schwächelnden Schwimmern Hilfestellung zu leisten. Amüsant ist es trotz aller Anstrengung die teilweise sehr originellen Schwimmstile der Teilnehmer zu beobachten und wenn ich keine vorzeitigen Halluzinationen hatte, habe ich sogar einen Schwimmer mit Taucherbrille und Schnorchel gesehen.

Auch am Ende der Schwimmstrecke mussten wir mit einer Treppe vorlieb nehmen, aber es standen immerhin einige gute Seelen bereit, um uns beim Ausstieg zu helfen. Der Weg in die Wechselzone war zwar mit Teppich ausgelegt, aber mit Badekappen und Schwimmbrillen übersät. Egal – die Wasserschlacht war überstanden und nun ging es auf die Radstrecke über den Lakeshore Drive. Die einzige Erhebung der ganzen Strecke bestand in der Auffahrt auf die Stadtautobahn, so dass man danach entspannt bis losrollen konnte. Leider ging es bei dieser Disziplin nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen das Wetter, denn mittlerweile waren dunkle Wolken aufgezogen und erste Gewitterböen fegten uns entgegen. Da Rennradfahren auf nassen Straßen eine weitere Herausforderung darstellen, auf die ich gerne verzichte, versuchte ich die Radstecke so zügig wie möglich zu absolvieren und hatte Glück, denn mit den ersten Regentropfen kam ich wieder in der Wechselzone an.

Auf der Laufstrecke wirkte der Regen eher erfrischend und war angenehmer als in der prallen Sonne zu laufen. Außerdem gab es ausreichend Wasserstellen und die letzte Disziplin ist zwar die härteste, aber auch gleichzeitig die abwechslungsreichste, denn durch das gemeinsame sportliche Schicksal lernt man spontan viele nette Menschen kennen und spricht sich gegenseitig Mut oder Trost zu – je nach Bedarf und Länge der verbleibenden Laufstrecke. Trotz aller Kurzweil wurden die Beine doch langsam schwer und ich fieberte dem Ende entgegen. Kurz vor der Zielgeraden, die publikumswirksam über den breiten Columbus Drive führt, ging es noch einmal eine Anhöhe hinauf, die mir ziemlich zusetzte. Zum Glück konnte ich in einiger Entfernung bereits das Ziel erkennen, so dass ich nun den letzten Rest Energie zusammenkratzte, um noch einigermaßen dynamisch die Ziellinie zu überqueren. Hoorah - geschafft!!!