Nach ersten
positiven Triathlonerfahrungen in Wisconsin stand als krönender Abschluss und sportlicher Höhepunkt des Jahres die Teilnahme beim 30. Chicago Triathlon an – dem mit über 8000 Teilnehmern größten
Triathlon weltweit.
Am Tag vor dem Start fuhren wir in die Stadt, um unser
Startpaket in einem der größten Hotels Chicagos abzuholen. Der Weg dorthin
gestaltete sich als Trainingseinheit der besonderen Art, denn in den Katakomben
des Hotels wuselten aufgeregte Scharen von Teilnehmern umher, die das gleiche
Anliegen hatten wie wir. Nachdem uns die Abholung geglückt war, wir unseren
Chip geprüft hatten und wir mit unserer Wettkampfnummer auf beiden Oberarmen
und der Nummer unserer „Welle“ auf der Wade versehen waren, ging es weiter über
die Fitnessmesse bis zu einem Forum, auf dem im Stundentakt
Wettkampfbesprechungen abgehalten wurden. Auch hier war alles hoffnungslos
überfüllt und alle lauschten gespannt den Ausführungen des Veranstalters, der
routiniert die Streckenführung vorstellte und dabei einige Überlebenstipps zum
Besten gab. Um einige sportliche Tipps, Fitnessriegel und Sportartikel reicher,
begaben wir uns in Anbetracht der gerade vorgefundenen Teilnehmermassen etwas
ernüchtert zum Yachthafen, um die Schwimmstrecke in Augenschein zu nehmen.
Eine
fatale Idee, denn ein Blick ins Hafenbecken ließ meine getrübte Laune endgültig
ins Bodenlose sinken. Zwar herrschte lediglich ein gemütlicher Wellengang, aber
im Wasser war dreckig und vor der Hafenmauer trieb über eine Fläche von
mehreren Metern ein Algenteppich. Zudem war die Schwimmstrecke nicht sonderlich
breit, denn auf der Seeseite dümpelten die Yachtboote träge im Wind. Da ich
bereits im Hotel fast klaustrophobische Zustände bekommen hatte, fragte ich
mich nun, wie ich diese Schwimmstrecke überleben sollte. Ein Blick auf den
Wetterbericht gab mir endgültig den Rest: Für den nächsten Tag waren starke
Gewitter vorhergesagt!
Mit
diesen in jeder Hinsicht trüben Aussichten standen wir kurz nach drei Uhr
morgens auf, um uns bereits vor Sonnenaufgang auf den Weg in die Wechselzone zu
machen. Dort mussten wir nämlich unsere Wettkampfutensilien bis kurz vor sechs
Uhr deponieren. Dann schlossen sich deren Tore, denn sechs Uhr war offizielle
Startzeit. Trotz der vielen Menschen herrschte eine fast gespenstische Ruhe.
Wir liefen zum Hafenbecken und sahen die ersten Teilnehmerwellen ins Wasser
stürzen. Auch dies war eine relativ ruhige Angelegenheit, obwohl sich zwei Moderatoren
redlich bemühten, die Teilnehmer mit ihren Kommentaren in Wettkampfstimmung zu
bringen. Da wir noch ausreichend Zeit bis zu unserem eigenen Start hatten,
machten wir es uns auf der Rasenfläche hinter dem Hafenbecken gemütlich und
beobachteten gespannt den Ablauf der Schwimmstarts, der im Vierminutentakt
erfolgte. Die Wartenden vertrieben sich die Zeit mit Lesen, Plauschen, Dösen,
Meditieren oder mit Dehnübungen. Die Meisten machten einen entspannten und konzentrierten
Eindruck und schienen ihrem Start optimistisch entgegenzusehen.
Einem
Tipp vom Vortag folgend stellten wir uns bereits eine halbe Stunde vor dem
eigentlichen Start auf dem Vorplatz auf, der zur Schwimmtreppe hinführte. Als
Orientierung dienten Helferinnen, die Schilder mit den Wellennummern nach oben
hielten. Außerdem konnte man sich an der Farbe der Schwimmkappen orientieren. Ich
rückte mit einer weißbekappten Welle von ca. 100 Teilnehmern nach vorne und
wurde jetzt doch ziemlich nervös. Hektisch kontrollierte ich den Reißverschluss
meines Neoprenanzugs mehrmals, bis mir eine Teilnehmerin hinter mir glaubhaft
versicherte, es sei alles in bester Ordnung. An der Schwimmtreppe angekommen,
sprangen wir nach der Aufforderung „let’s go swimming“ ins Wasser und paddelten
noch eine Minute vor uns hin, bis endlich der erlösende Startschuss fiel.
Von
allen drei Disziplinen stellt das Schwimmen für die meisten Triathleten die
größte Herausforderung dar. Diese bezieht sich aber nicht nur auf die Sportart
selbst, sondern auch auf die Begleitumstände. Ohne Frage hilft es ein guter
Schwimmer zu sein, aber es ist mindestens genauso wichtig, kein ängstlicher
Schwimmer zu sein. Die ersten 100 – 200 Meter geht es nämlich eher darum im Pulk der Schwimmer nicht unterzugehen und
Panikattacken zu vermeiden. Vor allem die männlichen Teilnehmer schwimmen
gnadenlos über alles hinweg, was ihnen in die Quere kommt und die Enge des
Hafenbeckens trug in diesem Fall nicht gerade zu einer Entspannung der Lage
bei. Erschwerend hinzu kommen die fehlende Orientierungsmöglichkeit im offenen
Gewässer im Vergleich zu den abgeteilten Bahnen im Schwimmbad, der unruhige
Wellengang und der stechende Dieselgeruch der Motorboote, die die
Schwimmstrecke unaufhörlich abfahren, um schwächelnden Schwimmern Hilfestellung
zu leisten. Amüsant ist es trotz aller Anstrengung die teilweise sehr
originellen Schwimmstile der Teilnehmer zu beobachten und wenn ich keine vorzeitigen
Halluzinationen hatte, habe ich sogar einen Schwimmer mit Taucherbrille und
Schnorchel gesehen.
Auch am
Ende der Schwimmstrecke mussten wir mit einer Treppe vorlieb nehmen, aber es
standen immerhin einige gute Seelen bereit, um uns beim Ausstieg zu helfen. Der
Weg in die Wechselzone war zwar mit Teppich ausgelegt, aber mit Badekappen und
Schwimmbrillen übersät. Egal – die Wasserschlacht war überstanden und nun ging
es auf die Radstrecke über den Lakeshore Drive. Die einzige Erhebung der ganzen
Strecke bestand in der Auffahrt auf die Stadtautobahn, so dass man danach
entspannt bis losrollen konnte. Leider ging es bei dieser Disziplin nicht nur
gegen die Zeit, sondern auch gegen das Wetter, denn mittlerweile waren dunkle
Wolken aufgezogen und erste Gewitterböen fegten uns entgegen. Da Rennradfahren
auf nassen Straßen eine weitere Herausforderung darstellen, auf die ich gerne
verzichte, versuchte ich die Radstecke so zügig wie möglich zu absolvieren und
hatte Glück, denn mit den ersten Regentropfen kam ich wieder in der Wechselzone
an.
Auf der
Laufstrecke wirkte der Regen eher erfrischend und war angenehmer als in der
prallen Sonne zu laufen. Außerdem gab es ausreichend Wasserstellen und die
letzte Disziplin ist zwar die härteste, aber auch gleichzeitig die abwechslungsreichste,
denn durch das gemeinsame sportliche Schicksal lernt man spontan viele nette
Menschen kennen und spricht sich gegenseitig Mut oder Trost zu – je nach Bedarf
und Länge der verbleibenden Laufstrecke. Trotz aller Kurzweil wurden die Beine doch langsam
schwer und ich fieberte dem Ende entgegen. Kurz vor der Zielgeraden, die
publikumswirksam über den breiten Columbus Drive führt, ging es noch einmal
eine Anhöhe hinauf, die mir ziemlich zusetzte. Zum Glück konnte ich in einiger
Entfernung bereits das Ziel erkennen, so dass ich nun den letzten Rest Energie
zusammenkratzte, um noch einigermaßen dynamisch die Ziellinie zu überqueren. Hoorah - geschafft!!!
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