Sonntag, 2. September 2012

Chicago Triathlon


Nach ersten positiven Triathlonerfahrungen in Wisconsin stand als krönender Abschluss und sportlicher Höhepunkt des Jahres die Teilnahme beim 30. Chicago Triathlon an – dem mit über 8000 Teilnehmern größten Triathlon weltweit. 

Am Tag vor dem Start fuhren wir in die Stadt, um unser Startpaket in einem der größten Hotels Chicagos abzuholen. Der Weg dorthin gestaltete sich als Trainingseinheit der besonderen Art, denn in den Katakomben des Hotels wuselten aufgeregte Scharen von Teilnehmern umher, die das gleiche Anliegen hatten wie wir. Nachdem uns die Abholung geglückt war, wir unseren Chip geprüft hatten und wir mit unserer Wettkampfnummer auf beiden Oberarmen und der Nummer unserer „Welle“ auf der Wade versehen waren, ging es weiter über die Fitnessmesse bis zu einem Forum, auf dem im Stundentakt Wettkampfbesprechungen abgehalten wurden. Auch hier war alles hoffnungslos überfüllt und alle lauschten gespannt den Ausführungen des Veranstalters, der routiniert die Streckenführung vorstellte und dabei einige Überlebenstipps zum Besten gab. Um einige sportliche Tipps, Fitnessriegel und Sportartikel reicher, begaben wir uns in Anbetracht der gerade vorgefundenen Teilnehmermassen etwas ernüchtert zum Yachthafen, um die Schwimmstrecke in Augenschein zu nehmen.

Eine fatale Idee, denn ein Blick ins Hafenbecken ließ meine getrübte Laune endgültig ins Bodenlose sinken. Zwar herrschte lediglich ein gemütlicher Wellengang, aber im Wasser war dreckig und vor der Hafenmauer trieb über eine Fläche von mehreren Metern ein Algenteppich. Zudem war die Schwimmstrecke nicht sonderlich breit, denn auf der Seeseite dümpelten die Yachtboote träge im Wind. Da ich bereits im Hotel fast klaustrophobische Zustände bekommen hatte, fragte ich mich nun, wie ich diese Schwimmstrecke überleben sollte. Ein Blick auf den Wetterbericht gab mir endgültig den Rest: Für den nächsten Tag waren starke Gewitter vorhergesagt!

Mit diesen in jeder Hinsicht trüben Aussichten standen wir kurz nach drei Uhr morgens auf, um uns bereits vor Sonnenaufgang auf den Weg in die Wechselzone zu machen. Dort mussten wir nämlich unsere Wettkampfutensilien bis kurz vor sechs Uhr deponieren. Dann schlossen sich deren Tore, denn sechs Uhr war offizielle Startzeit. Trotz der vielen Menschen herrschte eine fast gespenstische Ruhe. Wir liefen zum Hafenbecken und sahen die ersten Teilnehmerwellen ins Wasser stürzen. Auch dies war eine relativ ruhige Angelegenheit, obwohl sich zwei Moderatoren redlich bemühten, die Teilnehmer mit ihren Kommentaren in Wettkampfstimmung zu bringen. Da wir noch ausreichend Zeit bis zu unserem eigenen Start hatten, machten wir es uns auf der Rasenfläche hinter dem Hafenbecken gemütlich und beobachteten gespannt den Ablauf der Schwimmstarts, der im Vierminutentakt erfolgte. Die Wartenden vertrieben sich die Zeit mit Lesen, Plauschen, Dösen, Meditieren oder mit Dehnübungen. Die Meisten machten einen entspannten und konzentrierten Eindruck und schienen ihrem Start optimistisch entgegenzusehen.

Einem Tipp vom Vortag folgend stellten wir uns bereits eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Start auf dem Vorplatz auf, der zur Schwimmtreppe hinführte. Als Orientierung dienten Helferinnen, die Schilder mit den Wellennummern nach oben hielten. Außerdem konnte man sich an der Farbe der Schwimmkappen orientieren. Ich rückte mit einer weißbekappten Welle von ca. 100 Teilnehmern nach vorne und wurde jetzt doch ziemlich nervös. Hektisch kontrollierte ich den Reißverschluss meines Neoprenanzugs mehrmals, bis mir eine Teilnehmerin hinter mir glaubhaft versicherte, es sei alles in bester Ordnung. An der Schwimmtreppe angekommen, sprangen wir nach der Aufforderung „let’s go swimming“ ins Wasser und paddelten noch eine Minute vor uns hin, bis endlich der erlösende Startschuss fiel.

Von allen drei Disziplinen stellt das Schwimmen für die meisten Triathleten die größte Herausforderung dar. Diese bezieht sich aber nicht nur auf die Sportart selbst, sondern auch auf die Begleitumstände. Ohne Frage hilft es ein guter Schwimmer zu sein, aber es ist mindestens genauso wichtig, kein ängstlicher Schwimmer zu sein. Die ersten 100 – 200 Meter geht es nämlich eher darum  im Pulk der Schwimmer nicht unterzugehen und Panikattacken zu vermeiden. Vor allem die männlichen Teilnehmer schwimmen gnadenlos über alles hinweg, was ihnen in die Quere kommt und die Enge des Hafenbeckens trug in diesem Fall nicht gerade zu einer Entspannung der Lage bei. Erschwerend hinzu kommen die fehlende Orientierungsmöglichkeit im offenen Gewässer im Vergleich zu den abgeteilten Bahnen im Schwimmbad, der unruhige Wellengang und der stechende Dieselgeruch der Motorboote, die die Schwimmstrecke unaufhörlich abfahren, um schwächelnden Schwimmern Hilfestellung zu leisten. Amüsant ist es trotz aller Anstrengung die teilweise sehr originellen Schwimmstile der Teilnehmer zu beobachten und wenn ich keine vorzeitigen Halluzinationen hatte, habe ich sogar einen Schwimmer mit Taucherbrille und Schnorchel gesehen.

Auch am Ende der Schwimmstrecke mussten wir mit einer Treppe vorlieb nehmen, aber es standen immerhin einige gute Seelen bereit, um uns beim Ausstieg zu helfen. Der Weg in die Wechselzone war zwar mit Teppich ausgelegt, aber mit Badekappen und Schwimmbrillen übersät. Egal – die Wasserschlacht war überstanden und nun ging es auf die Radstrecke über den Lakeshore Drive. Die einzige Erhebung der ganzen Strecke bestand in der Auffahrt auf die Stadtautobahn, so dass man danach entspannt bis losrollen konnte. Leider ging es bei dieser Disziplin nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen das Wetter, denn mittlerweile waren dunkle Wolken aufgezogen und erste Gewitterböen fegten uns entgegen. Da Rennradfahren auf nassen Straßen eine weitere Herausforderung darstellen, auf die ich gerne verzichte, versuchte ich die Radstecke so zügig wie möglich zu absolvieren und hatte Glück, denn mit den ersten Regentropfen kam ich wieder in der Wechselzone an.

Auf der Laufstrecke wirkte der Regen eher erfrischend und war angenehmer als in der prallen Sonne zu laufen. Außerdem gab es ausreichend Wasserstellen und die letzte Disziplin ist zwar die härteste, aber auch gleichzeitig die abwechslungsreichste, denn durch das gemeinsame sportliche Schicksal lernt man spontan viele nette Menschen kennen und spricht sich gegenseitig Mut oder Trost zu – je nach Bedarf und Länge der verbleibenden Laufstrecke. Trotz aller Kurzweil wurden die Beine doch langsam schwer und ich fieberte dem Ende entgegen. Kurz vor der Zielgeraden, die publikumswirksam über den breiten Columbus Drive führt, ging es noch einmal eine Anhöhe hinauf, die mir ziemlich zusetzte. Zum Glück konnte ich in einiger Entfernung bereits das Ziel erkennen, so dass ich nun den letzten Rest Energie zusammenkratzte, um noch einigermaßen dynamisch die Ziellinie zu überqueren. Hoorah - geschafft!!!

Montag, 18. Juni 2012

Bike the Drive


Da die Schule der Kinder die Teilnahme an wohltätigen Sportveranstaltungen fördert, beschlossen wir dieses Jahr an der Fahrradveranstaltung teilzunehmen. Die Bike-The-Drive-Veranstaltung hatte dieses Jahr das Ziel, Gelder für Mountainbikes zu einzusammeln und diese Kindern in Afrika zu gute kommen zu lassen, damit sich deren Schulweg von 4 Stunden auf 1 Stunde verkürzt, d.h. wir würden für eine gute Sache strampeln.

So klingelte am Memorial Day-Weekend sonntagmorgens lange vor dem ersten Hahnenschrei der Wecker. Schlaftrunken und mit ziemlich finsterer Miene wankten unsere Kinder zum Frühstückstisch. Nach einer kurzen Phase der gegenseitigen Schuldzuweisung, wer für die in ihren Augen schwachsinnige Idee verantwortlich zu machen sei, fügten sie sich in ihr Schicksal und widmeten sich nach einer ergebnislosen Recherche ihrem stärkenden Müsli. Meine Tochter jammerte, dass sie die einzige aus der ganzen Highschool sei, die an dieser Fahrradtour teilnehmen musste und hoffte darauf, dass sie niemand auf der Strecke erkannte. Hinzu kam noch ihre Sorge, ob ihre neuen, künstlichen Fingernägel der sportlichen Belastung gewachsen waren.

So rollten wir um 5.30 Uhr in Richtung Lakefront Drive, der sich trotz der frühen Uhrzeit zügig mit Fahrradfahrern zu füllen begann. Schließlich war dies der einzige Tag des Jahres, an dem die Stadtautobahn zumindest am Vormittag für den Verkehr gesperrt war. Wir beschlossen zunächst zum nördlichen Wendepunkt zu fahren, der sich an der Bryn Mawr Street befand. Da die Sonne sich noch hinter dicken Wolken versteckte, waren die Temperaturen noch durchaus angenehm. Außerdem wehte uns der Fahrtwind eine frische Brise um die Nase, so dass wir langsam aber sicher aufwachten. Nicht alle Teilnehmer fuhren in ihrem Bike-The-Drive-Shirt, so dass ich mich zunächst dem Studium der diversen Bikeshirt-Kollektionen widmete, wobei ich den Schwerpunkt meiner Recherche auf Sporttrikots der Stadt Chicago legte. Neben durchaus sehenswerter Outfits gab es auch noch die verschiedenen Drahteselvarianten zu bestaunen, denn neben schnöden Citybikes und Rennrädern waren verschiedene Liegefahrräder, Tandems, Tridems(?) und sogar Rikschas unterwegs. Beifahrer bzw. Begleitpersonal in Form von Kindern und Hunden wurden auf Schleppstangen, in Fahrradsitzen respektive –körbchen und Beiwägen transportiert, so dass bei unserer Etappe bis zum südlichen Wendepunkt keine Langeweile aufkam.

Trotz des immer dichter werdenden Zweiradaufkommens herrschte eine entspannte Stimmung, zumal sich an der Strecke verschiedene Versorgungsstationen befanden, die einen regen Zulauf verzeichneten, da die Temperaturen nun langsam steil nach oben kletterten und die Sonnenstrahlen die ersten Schweißperlen auf unsere Stirn zauberten. Endlich am südlichen Streckenende angekommen, herrschte dort bereits Volksfeststimmung. Wir legten spontan einen kurzen Boxenstopp ein, um unsere Wasservorräte aufzufüllen und um uns mit frischem Obst und leckeren Muffins zu stärken. Schließlich lag die schwierigste Etappe noch vor uns. In praller Sonne strampelten wir danach mit nicht mehr sonderlich motivierten Kindern zurück in die Stadt zum Grant Park, in dem bereits diverse Fitnessstände und eine große Musikbühne aufgebaut waren. Sogar ein Kletterfelsen stand in der Mitte, an der man noch vorhandene Restenergie abbauen konnte. Wir deponierten unsere Fahrräder und stürzten uns ins Getümmel. Eine Pause hatten wir uns nun redlich verdient. 

Freitag, 17. Februar 2012

Endurance is half the battle!

Als ob wir im normalen Alltagsleben nicht schon genug um die Ohren hätten, beschlossen wir eines Tages als eifriger Nutzer moderner Technologien unsere Kostenstrukturen zu überprüfen und siehe da, es stellte sich heraus, dass das „Triple Play“-Angebot eines Kabelanbieters um einiges günstiger war als unser bisheriges Telekommunikationsunternehmen. Zumindest hatte dies laut Werbeflyer den Anschein.

Manchmal ist allerdings die Beschreibung der angebotenen Dienstleistungen nicht sonderlich aussagekräftig und es besteht weiterer Klärungsbedarf. So hat es mich einige Zeit und Nerven gekostet, den Unterschied zwischen „Performance Internet“, „Lightning-fast Internet“ und „Blazing-fast Internet“ zu klären. Ein Anruf im Servicecenter, bei dem ich es immerhin nach mehreren Minuten zäher Verhandlungen mit einem computergesteuerten Menü schaffte zu einem Servicemitarbeiter durchzudringen, schaffte auch endlich Klarheit über die Anzahl der verfügbaren MBs.

Weiterhin im Dunkeln blieb die Anzahl der verfügbaren Fernsehkanäle. Mehr als „more channels“ und „even more channels“ war den Servicemitarbeitern nicht zu entlocken. Ein schlagkräftiges Argument war jedoch, dass wir unsere bisherige Telefonnummer behalten konnten. So stürzten wir uns mutig in das Anbieterwechselabenteuer und notierten uns freudig den vereinbarten Installationstermin, der kurz nach unserer Rückkehr aus dem Heimaturlaub lag.

Der besagte Tag verging ohne dass ein Techniker erschien oder geschweige denn anrief, um den Termin zu verschieben. Ein Anruf meinerseits brachte Klarheit. Das Unternehmen führt 24 - 48 Stunden vor dem vereinbarten Installationstermin einen sogenannten „courtesy call“ durch, um sich den Termin nochmals bestätigen zu lassen. Diesen hatten wir aber leider aufgrund unserer Reisetätigkeit verpasst. Daraufhin war unser Auftrag einfach storniert worden. Prima. Alles auf Anfang? Und in der Tat mussten wir einen komplett neuen Auftrag erteilen und bekamen folglich auch einen neuen Installationstermin zugewiesen. Dieses Mal schienen wir gewappnet. Insgesamt wurden wir dreimal von einer Computerstimme angerufen, um den Termin zu bestätigen. Jedes Mal stimmten wir erwartungsvoll zu. Doch auch dieser Termin verstrich, ohne dass sich ein Techniker bei uns einfand.

Letztendlich dauerte es Tage, die mit Anrufen bei der Kundenhotline und noch mehr Bestätigungsanrufen verbunden waren, bis endlich und wahrhaftig ein menschliches Wesen mit einem Werkzeugkasten bewaffnet vor unserer Tür stand und gewillt schien, endlich die Installation vorzunehmen. Der Tag der multimedialen Glückseligkeit schien gekommen. Doch weit gefehlt! Es folgten erneut viele Telefonanrufe sowie Tage später ein weiterer Besuch zweier Techniker, diverse Anrufe bei dessen Vorgesetzten und ein halber Nervenzusammenbruch meinerseits, bis das Modem endlich so installiert war, dass sowohl Telefon als auch Internet zufriedenstellend funktionierten.

Ich beschloss spontan, die Signatur einer Bekannten zu übernehmen: Endurance is half the battle! Diese schien allerdings auch bei unserem vorherigen Anbieter bekannt zu sein, denn wenige Tage nach der Umstellung erhielten wir den Anruf einer Servicemitarbeiterin, die uns zu einem Rückwechsel zu überreden versuchte. Obwohl wir dies entschieden ablehnten, vergeht sein Wochen kein Tag, an dem sie nicht mehrmals anruft und versucht, uns umzustimmen. Wir sind sehr gespannt, wie lange sie durchhält, denn wir nehmen die Anrufe schon lange nicht mehr persönlich entgegen.

Sonntag, 18. Dezember 2011

A holiday season in full swing!


Bereits Wochen vor Thanksgiving – immerhin dem wichtigsten Familienfest in den USA – sieht man sie vereinzelt in Geschäften, aber auch schon in Privatwohnungen stehen: Überaus großzügig geschmückte Weihnachtsbäume in voller Pracht. Teilweise sind die Bäume so behängt, dass sich die Nadelbaumart nur noch erahnen lässt und man sich wundert, dass das gute Stück nicht unter der Menge an Dekomaterial  zusammenbricht. Vermutlich gibt es eine spezielle Züchtung besonders robuster nordamerikanischer Tannen, die bereits von klein auf durch besondere Dünge- und Schnittmethoden auf ihre wichtige Aufgabe im Kreis amerikanischer Familien vorbereitet werden. 

Ende November gibt es dann kein Halten mehr und das Weihnachtsfieber greift überall um sich. Da werden wieder die Straßenlaternen mit grünen Zweigen und roten Bändern eingewickelt und mit überdimensionalen Candy Sticks versehen, zu den Weihnachtbäumen gesellen sich Kränze in verschiedenen Ausführungen. Ganze Häuserfassaden werden mit Lichterketten versehen, Treppengeländer mit ebensolchen eingewickelt und in den Vorgärten Schnee- und Weihnachtsmänner und Schlitten oder gar ganze Krippen aufgestellt. Am Wochenende finden Lichtershows und Holiday Parades statt und die Christkindlmarkets erfreuen sich größter Beliebtheit. 

Wir lassen uns an einem Sonntagnachmittag dazu hinreißen den größten dieser Märkte in der Chicagoer Innenstadt zu besuchen, flüchten aber bereits nach einer halben Stunde wieder, denn wahre Menschenmassen schieben sich auf der Suche nach originellen Weihnachtsgeschenken durch die Gänge zwischen den Holzbuden. Ganz dramatisch ist die Situation vor den Essensständen, obwohl sich diese auf bestimmte Gerichte oder Getränke spezialisiert haben. Nachdem wir fast eine halbe Stunde in der Bratwurst Line anstehen, ist unsere Geduld erschöpft, so dass wir dieses Jahr auf Glühwein und Kinderpunsch verzichten und das Weite suchen.

An den Wochenenden finden auch in vielen Kneipen Weihnachtsparties statt. Vor den Eingängen tummeln sich frierende Elfen und Christmas Girlies in kurzen Röckchen und dünnen Strumpfhosen. Die Weihnachtshysterie macht selbst vor dem Straßenverkehr nicht halt. Die sonst so drögen CTA-Busse wechseln ihr Display abwechselnd in eine ziemlich pixelige Rentierformation und in die Anzeige „Happy Holidays“. Vorzugsweise SUVs gehobenerer Ausführung haben einen Kranz am Kühlergrill befestigt und ganz Forsche wickeln ihre Dachreling mit Tannengrün ein oder verzieren diese mit Weihnachtsschmuck. Die Sache scheint klar. Von allen Festen scheint Weihnachten die Amerikaner immer noch am meisten in Verzückung zu versetzen und es ist so gut wie unmöglich, sich der überbordenden Weihnachtsstimmung mit dem einhergehenden Christmas Shopping-Angeboten zu entziehen. Eine Sache fehlt jedoch noch zum diesjährigen Winter Wonderland Feeling: Schnee! Zwar tummeln sich die Temperaturwerte bereits um den Gefrierpunkt, aber der Himmel zeigt sich unverdrossen wolkenlos. Sollte sich diese Situation bis zur Ankunft von Santa Claus nicht ändern, bin ich mir sicher, dass den innovationsfreudigen Amerikanern auch hierzu eine wunderbare Lösung einfallen wird.

Freitag, 2. Dezember 2011

Happy Turkey Day


Alle Jahre wieder schlägt am letzten Donnerstag im November für Millionen von Truthähnen das letzte Stündlein. Die bedauernswerten Tiere enden als feister Braten mit oder ohne Füllung mit diversen Beilagen wie z.B. Kürbisschnitze oder Kartoffelpüree und krönen das wichtigste amerikanische Familienfest.

Die Vorzeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses sind unübersehbar. Bereits Tage vorher nimmt der Verkehr noch chaotischere Zustände an als sonst und auch die Schlangen in den Supermärkten werden immer länger. Sich am Vortag von Thanksgiving in den Supermarkt zu begeben, grenzt an Selbstmord, es sei dann man hat seine Einkäufe vorbestellt. Da die Parkplätze und Parkhäuser hoffnungslos überfüllt sind, parken kreuz und quer Fahrzeuge mit laufendem Motor und Warnblinkanlage, denn deren Halter haben die Geduld, die Nerven oder beides verloren und sich todesmutig ins Getümmel zwischen den Supermarktregalen gestürzt oder versuchen, ein verloren gegangenes Familienmitglied zu finden. Wohl dem, der kein Familienfest vorbereiten muss, denn der Einkauf ist ja erst der Anfang. Danach ist ein stundenlanger Einsatz in der Küche gefragt, bis der Vogel endlich servierfertig ist. Die Situation ist auf jedem Fall vergleichbar mit dem hektischen Treiben am Vortag von Heiligabend in Europa. 

Natürlich gibt es in den servicefreundlichen USA mittlerweile auch den „Convenience turkey“, d.h. man kauft den Vogel bereits vorgekocht und gefüllt und schiebt ihn zu Hause nur noch einmal kurz in den Backofen. Für ganz Bequeme bietet sich die Variante „Turkey-to-go“ an. Einige Restaurants bieten ein Buffet an, an dem man sich sein Truthahnessen zusammenstellen und servierfertig mit nach Hause nehmen kann. Bei dieser breiten Skala an Möglichkeiten muss daher kein Familiengelage mehr aus Zeit- oder Geldmangel ausfallen.

Wer nicht in der Küche steht, sich auf dem Weg zu seinen Lieben befindet oder einfach keine Lust auf Thanksgiving hat, kann sich ungehemmt dem „Black Wednesday“, wie der Tag vor dem Fest auch genannt wird, hingeben. Viele Bars werben mit „Blackout-Partys“. Hier kann man sich auf die bevorstehende Familienfeier einstimmen, die Hektik der letzten Tage abstreifen oder sich einfach so alle Lichter ausschießen. Zu den beliebtesten Partys gehören das Turkey Testicle Festival, der Black Wednesday Trolley Crawl und der Turkey Trolley Trot. Auf der jährlichen Partyskala steht der Black Wednesday auf jeden Fall an vierter Stelle nach Halloween, Silvester und St. Patrick’s Day. 

An Thanksgiving selbst sind dann tatsächlich die meisten Läden geschlossen und die Straßen wirken wie ausgestorben. Es herrscht eine fast unwirkliche Atmosphäre. Dieses Land, dessen Bewohner eigentlich immer „busy“ sind, hält inne und zelebriert die Familie. Dies scheint aber nur einen Tag lang gut zu gehen, denn obwohl natürlich viele den Feiertag zum Anlass für ein verlängertes Wochenende nehmen, wurde der Tag nach Thanksgiving zum „Black Friday“ erklärt. An diesem Tag öffnen viele Geschäfte bereits um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden und locken die Kundschaft mit Sonderangeboten. Dieses Jahr haben wir ein Outlet entdeckt, dass sogar schon am Thanksgivingabend um 22.00 Uhr zum „Moonlight Madness Sale“ einlud. So fallen viele nahtlos vom Essens- ins Shoppingkoma, denn was ist naheliegender als mit gut gefülltem Bauch der Familienidylle zu entfliehen, um sich seinen Weihnachtseinkäufen zu widmen?

Mittwoch, 16. November 2011

Music Box Theatre


Eine glückliche Fügung des Schicksals führte mich eines Abends am Music Box Theatre auf der Southport Avenue vorbei. Nachdem ich den Plakaten entnommen hatte, dass es sich weniger um ein Musik- als vielmehr um ein Lichtspieltheater handelte, das unabhängige und europäische Filme jenseits des amerikanischen Mainstreams zeigte, stand mein Entschluss schnell fest, der Einrichtung bald einen Besuch abzustatten. 

Einige Tage später war es soweit. Ein französischer Film mit englischen Untertiteln war angekündigt und sollte meine persönliche Zuschauer-Premiere werden. Die Warteschlange vor der Kasse war sehr überschaubar und die Auswahl am Imbissstand ebenso, da man sich vorrangig auf den Knusperklassiker Popcorn in verschiedenen Variationen beschränkte. Auch das Interieur erinnerte mehr an ein mediterranes Theater als an ein Kino. In einer der Vitrinen, die Kinomemorabilia aus glanzvolleren Tagen zeigte, war zu lesen, dass das Kino bereits seit 1929 besteht, d.h. bereits zur Stummfilmzeit. Offensichtlich entsprach es dem Stil der damaligen Zeit ein Kino wie ein Theater zu gestalten und ein Kinobesuch hatte einen ganz anderen Stellenwert als heute. Es war vermutlich in der damaligen Zeit genauso aufregend sich einen Film anzusehen wie ein Theaterstück. Dem Zustand der Inneneinrichtung zu urteilen, hatten sich seitdem die Instandhaltungs- und Renovierungsarbeiten vermutlich aus finanziellen Gründen in engen Grenzen gehalten. 

Ein Überbleibsel aus der Stummfilmzeit erwartete uns im Kinosaal, denn dort wurden wir tatsächlich mit Live-Orgelmusik empfangen. Ich machte mich darauf gefasst, dass gleich die kleinen Strolche um die Ecke biegen würden, um sich vor Buster Keaton zu verstecken. Nachdem wir uns auf den betagten Sitzen niedergelassen hatten, machten wir weitere interessante Entdeckungen. Das Kino war wie ein südländischer Innenhof mit einer Fassade aus weißen Marmorelementen gestaltet und sogar mit einigen Balkonen versehen. Die Decke war als nächtlicher Sternenhimmel mit blinkenden Himmelskörpern und vorüberziehenden Wolken angelegt. Der Architekt wollte offenbar die Atmosphäre eines Open-Air-Kinos erzeugen. Komplettiert wurde diese wunderbare Illusion durch einen schweren, roten Samtvorhang, der hervorragend zum Bühnenbild passte. Der Organist klimperte fröhlich vor sich hin und versetzte uns bereits vor dem Filmstart in den siebten Kinohimmel. Welch ein seltsamer und wunderbarer Ort zugleich! 

Nach dem Film erfuhr ich, dass dieses ehrwürdige Haus sogar von einem Geist namens „Whitey“ bewohnt wird. Whitey war der erste Kinobesitzer und lebte mehr oder weniger in seinem Theater. Auch nach seinem Tod hat er ein wachsames Auge auf sein Lebenswerk und spukt vorrangig im vierten Gang in der Nähe des Hintereingangs. Nun kann man ja nicht erwarten, dass sich ein Geist gleich beim ersten Besuch präsentiert. Wahrscheinlich betrachtet er sich die Besucher erst einmal in Ruhe, bevor er in Erscheinung tritt oder er war unpässlich. Ein weiterer Grund bald wieder zu kommen.

Montag, 31. Oktober 2011

Monsterdash

Am Halloweenwochenende ging es wieder in der ganzen Stadt hoch her. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sah man kostümierte Figuren auf dem Weg  zu einer Party oder einer Parade durch die Straßen ziehen. Dieses Jahr entschied ich mich für die sportliche Variante und meldete mich für den Monsterdash Halbmarathon an, der für samstags 9.00 Uhr im Grant Park angesetzt war. Eine monsterfreundliche Startzeit, denn die sonstigen Läufe starten in der Regel bereits um 7.00 Uhr. 

Der Wettergott meinte es gut, denn trotz frischer Temperaturen wärmten die Sonnenstrahlen den Körper und ein strahlend blauer Himmel die Seele. Mit knapp über 3000 Teilnehmern war das Läuferfeld relativ überschaubar und ließ ausreichend Zeit, die kreativen Kostümvariationen zu bewundern. Zu meiner Überraschung liefen nicht nur die Teilnehmer am 5K-Lauf, sondern auch die Halbmarathoner fast alle verkleidet und hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, dem Ereignis einen passenden Rahmen zu verleihen. Vor dem Start herrschte das übliche Gewühle vor der Gepäckaufbewahrung und den Toiletten, aber die Stimmung war ausgesprochen locker. Auch die Zeit in der Startaufstellung verlief kurzweilig, denn das Läuferfeld sah eher aus wie eine Partygesellschaft, die beschlossen hatte, Halloween bereits frühmorgens am Seeufer zu feiern. Am meisten beeindruckte mich eine menschliche Duschkabine mit erstaunlichen Ausmaßen, die sich ziemlich weit vorne aufgestellt hatte. Sämtliche Comichelden bis auf Sponge Bob und die Simpsons waren in großer Anzahl vertreten, aber auch Tierarten und Gemüsesorten lagen dieses Jahr im Trend. Da kam ich mir mit meiner Spinne auf dem Kopf ziemlich underdressed vor. 

Auch nach dem Startschuss blieb die Stimmung entspannt. Gemächlich setzte sich das Läuferfeld in Bewegung. Offensichtlich stand bei diesem Lauf mehr der Fun und weniger der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund. An der Strecke standen viele Schaulustige, um sich das Spektakel anzusehen. Einige waren ebenfalls verkleidet und teilten Süssigkeiten aus. Ein Sensenmann auf Stelzen schwang sein Beil, um uns Beine zu machen und stieß dabei gruselige Drohungen aus. Auf einem Plakat war zu lesen: There is a monster running behind you und an einigen Stellen hatte sich eine Liveband aufgestellt, um uns musikalisch zu unterstützen. Dieses Mal hatte ich aber meinen MP3-Player dabei, um mich meinen Lieblingssong bei Laune zu halten. Erfahrungsgemäß habe ich irgendwann in der ersten Stunde ein moralisches Tief und hadere mit mir. Dann frage ich mich, wie um alles in der Welt ich nur so blöd sein konnte, mich für diese Veranstaltung anzumelden. Ich überlege, wie ich mich am geschicktesten aus der Affäre ziehen kann, ohne als Versager dazustehen. So hoffe ich auf einen unerwarteten Schwächeanfall oder eine Sportverletzung, bin dann aber doch froh, wenn beides nicht eintritt. Nach der Hälfte der Strecke geht es erfahrungsmäßig moralisch wieder steil nach oben. 

Als ob ich einen point of no return überschritten hätte, rede ich mir ein, dass ja die ganze bisherige Schinderei umsonst gewesen ist, wenn ich jetzt aufgebe. Von der Schmach der Niederlage ganz zu schweigen. Nun häuften sich auch die Ausfälle auf der Strecke und gaben mir weiteren Aufwind, denn ich merkte, dass ich nicht als einzige schwere Beine hatte, sondern viele Leidensgenossen mein Schicksal teilten. Spätestens ab der 10. Meile begann sich ein zaghaftes Hochgefühl auszubreiten. Die Zuschauer brüllten mir nun nicht mehr nur „keep it up“, sondern auch „you are almost there“ ins Ohr. Wie stand doch so passend auf einem Läufershirt „pain is weakness leaving the body“. Dies hörte sich zwar eher an wie ein Kriegsveteranenmotto, aber ich war in diesem Moment für jede Abwechslung dankbar und da ein Großteil meiner Körperenergie mit Laufen beschäftigt war, war ich ganz dankbar, wenn das geistige Niveau nicht sonderlich hoch war. So trabte ich in meinem Rhythmus weiter Richtung Ziel. Das Leben bekam langsam wieder einen Sinn. Ich überlegte schon, wie wohl die Medaille aussieht und welche Verpflegung gereicht wird. Damit kam ich gut bis zur letzten Meile. Erstaunlicherweise hatte ich kurz nach der 12. Meile noch einmal einen kleinen Durchhänger. Also dachte ich mir Belohnungen aus, die ich mir gönne, wenn ich jetzt nicht auf den letzten Metern schlapp machte. Ich versuchte mich zum Zieleinlauf zu beamen, aber es klappte nicht. Dann fügte ich mich in das Unvermeidliche und versuchte das Tempo noch einmal etwas anzuziehen. 

Endlich kam das Ziel in Sicht und ich überquerte mit einem glücklichen Lachen auf dem Gesicht die Ziellinie. Ich hatte es geschafft. Ich war ein echtes Monster, hoorah. Das Leben war wieder schön, die Finisher-Medaille das bisher coolste Stück in meiner Sammlung und eine Banane hatte noch nie so lecker geschmeckt wie in diesem Moment. Ich schaute mich um. Die Duschkabine schien noch auf der Strecke zu sein. Ich schaute mich noch etwas an den obligatorischen Sportständen um und genoss die Musik der Liveband, die sich passend zur Veranstaltung auf Headbanger-Musik verlagert hatte. An einem der Stände konnte man sich für den „Polardash“ im Januar anmelden. Der Stand verzeichnete einen regen Zulauf. Die Endorphinausschüttung schien bei einigen Teilnehmern nachhaltig zu funktionieren. Da der erste Kälteeinbruch bestimmt nicht mehr lange auf sich warten ließ, beschloss ich erst einmal in Ruhe zu überlegen, welche sportliche Herausforderung ich als nächstes angehen wollte.